«Ein Auseinanderbrechen wäre das Dümmste, was passieren könnte»
02.07.2026 Wölflinswil«Das Umfeld wird zu wenig betrachtet», sagt Peter Bircher. Der 87-Jährige, der als Gemeindeschreiber 16 Jahre lang Wölflinswil und Oberhof gedient hat, blickt mit Unverständnis und Bedauern auf die Entfremdung.
Simone Rufli
Peter Bircher legt ein Buch nach dem anderen auf den ...
«Das Umfeld wird zu wenig betrachtet», sagt Peter Bircher. Der 87-Jährige, der als Gemeindeschreiber 16 Jahre lang Wölflinswil und Oberhof gedient hat, blickt mit Unverständnis und Bedauern auf die Entfremdung.
Simone Rufli
Peter Bircher legt ein Buch nach dem anderen auf den Tisch, blättert durch Fotoalben und streift durch seine zahllosen Erinnerungen an Ereignisse, die Wölflinswil ohne Oberhof, und Oberhof ohne Wölflinswil so nicht erlebt hätten. Bircher erinnert an «fürs Gemeinschaftsleben elementar wichtige Sachen», an Erfolge, die «dank geschlossenem Auftritt» erzielt werden konnten. Nennt neuste Ereignisse wie die gemeinsam erwirkte Renovation der Pfarrscheune, des einzigen Pfrundhauses im Bezirk Laufenburg, die als offenes Haus der Begegnung ausserordentlich gefragt und gebucht sei. Erinnert an die gemeinsam erfolgreich durchgeführten Regulierungen – «die Benkenstrasse wäre heute noch nicht gebaut, ohne Ausbau gäbe es keinen öV über den Benken». Er erwähnt das Gasthaus Ochsen, das sich im Tal etabliert hat und für beide Gemeinden von Bedeutung sei und staunt über die vielen Gäste in der Badi, die aus Oberhof und vielen anderen Gemeinden nach Wölf linswil kommen. «Im ehrenamtlich geführten Kiosk helfen auch Frauen aus Oberhof mit», sagt er und auch: «Es ist eine Illusion zu glauben, wir sind diese und das dort sind die anderen.»
«Mühe, die Gräben zu erkennen»
Zentral für beide Dörfer seien auch das Alte Gemeindehaus in Wölflinswil, mit zahllosen Veranstaltungen für beide Gemeinden, die gemeinsame Dorfchronik «Rückblende» – «gerade erst hat sich in der Kulturkommission wieder ein Neumitglied aus Oberhof gefunden». Die Kirche sei gar massgebend von Oberhof betreut: Pfarreisekretärin, Präsident, Sakristanin, Reinigung … «Alle sind aus Oberhof. Ich habe einfach Mühe, die grossen Gräben zu erkennen.» Und natürlich kommt er auf die Natur- und Kulturwoche zu sprechen, auf Veranstaltungen in der Studer Schüür in Oberhof, auf den Geländelauf mit Start in Oberhof, auf die gepflegten Sportanlagen hüben wie drüben; auch vom Wald spricht er: «Oberhof hat viel Wald. In Zeiten der Klimaerwärmung ein grosser Reichtum für beide Gemeinden!» Was er auch betonen wolle: «Oberhof schaut gut zu seiner Infrastruktur, auch wenn es immer wieder Stimmen gibt, die etwas anderes behaupten.» Peter Bircher erwähnt den Jurapark, der viel Gemeinsames gefördert habe. Überhaupt sei vieles zusammen aufgebaut, gepflegt, gefeiert worden.
«Besser verflochten könnte es gar nicht laufen. Wölflinswil und Oberhof ergänzen sich doch wunderbar. Indem ich all das erwähne, möchte ich aufzeigen, dass viel mehr auf dem Spiel steht als die Gemeinschaftsverwaltung. Ein Auseinanderbrechen wäre das Dümmste, was passieren könnte», sagt er, stimmt aber zu, dass aktuell ein kritischer Punkt erreicht ist. «Das Problem liegt für mich darin, dass die Behörden nicht miteinander reden. Ich bin einfach nicht sicher, ob der Gemeinderat Wölflinswil es wirklich ernsthaft versucht hat.» Oberhof habe immerhin mal vorgeschlagen, einen neutralen Fachmann beizuziehen. Dass es nun Anzeichen dafür gibt, dass es jetzt nach den Gemeindeversammlungen doch zu Gesprächen unter Leitung der Gemeindeabteilung des Kantons kommen könnte, begrüsst er. «Martin Süess hat vom Kanton aus ja auch die Fusionsabklärungen begleitet.»
Immer einvernehmlich
Als Gemeindeschreiber von Wölflinswil und Oberhof, der er 16 Jahre lang war, sei er jede Woche an zwei Sitzungen gewesen. «Das war zwar zeitraubend, aber es hat zu einer guten Diskussionskultur geführt. Wir hatten nie so einen Mais und obwohl ich zwei Chefs hatte, war es immer einvernehmlich.» Peter Bircher lacht: «Die Bundesfeier fand früher in Wölflinswil und in Oberhof statt. Kaum war die Feier in Wölflinswil fertig, haben der Männerchor und die Musikgesellschaft ihre Sachen gepackt und sind nach Oberhof disloziert. Weil das ein Stress war, hiess es später, wir machen eine gemeinsame Bundesfeier und stellen die Bühne auf die Banngrenze. Dort fand sie dann ein paar Jahre lang statt.» Und nachdenklich: «Vielleicht ist das gar nicht so eine Banalität.»
Kaum Verhandlungsspielraum
Jetzt nach der Gemeindeversammlung von Wölflinswil seien die Türen recht zugeschlagen, der Verhandlungsspielraum praktisch nicht mehr vorhanden, eine Aussprache unter diesen Umständen schwierig. «Der Rückweisungsantrag von Barbara Fricker hätte etwas Zeit verschafft.» An der Situation würde sich nicht einmal etwas ändern, wenn in Wölf linswil das Referendum ergriffen würde – in der jetzigen Stimmung würde sich keine Mehrheit finden, ist er überzeugt.
«Ich frage mich eigentlich schon lange, warum greift Aarau nicht ein? Aber sie werden sich sagen, wir haben das Möglichste offeriert mit dem Gemeindezusammenschluss.» Der Zusammenschluss, davon ist Peter Bircher überzeugt, wäre der richtige Weg gewesen. «Schauen wir ins andere Tal zu Herznach-Ueken. Dort wurde es sehr gut gemacht. Ganz nebenbei hätten wir auch 4 Millionen Franken erhalten mit der Fusion.»
«Wie viele andere habe ich die Lage im Vorfeld der Abstimmung unterschätzt und war überzeugt, die Fusion kommt. Hätte man das anders eingeschätzt, hätte man viel mehr Arbeit investieren müssen, um die Bürgerinnen und Bürger von der Fusion zu überzeugen. Nun ist auf viele Jahre hinaus diese Chance vertan.»

