Niklaus Leemann
Es wird momentan viel diskutiert – und bald abgestimmt – ob die Schweiz nicht zu viel wachse. Solche strategischen Fragen kann man gut durchdenken, wenn man einmal die Vorzeichen umkehrt: Was wäre, wenn die Schweiz schrumpfen, statt wachsen würde? ...
Niklaus Leemann
Es wird momentan viel diskutiert – und bald abgestimmt – ob die Schweiz nicht zu viel wachse. Solche strategischen Fragen kann man gut durchdenken, wenn man einmal die Vorzeichen umkehrt: Was wäre, wenn die Schweiz schrumpfen, statt wachsen würde? Wäre das besser?
Für dieses Gedankenexperiment lohnt sich der Blick nach Japan. Dort schrumpft die Bevölkerung nämlich seit 2010. Welche Folgen hat das? Erstens: weniger wirtschaftliches Gewicht. Japan war einst die unumstrittene Nummer zwei der Weltwirtschaft, kürzlich wurde es selbst vom kriselnden Deutschland überholt. Indien dürfte bald folgen. Zweitens: mehr Druck auf Erwerbstätige, Pflege, Renten und Staatsfinanzen, weil immer weniger Erwerbstätige immer mehr Nichterwerbstätige tragen müssen. Drittens: akuter Arbeitskräftemangel. In Japan fehlen nicht nur Ingenieure, sondern auch Busfahrerinnen, Pfleger, Bauarbeiter und Ladenpersonal. Selbst die Landesverteidigung gerät unter Druck: Japan hat zunehmend Mühe, genügend Personal für das Militär zu finden.
Und dann kommen die Folgen, an die man nicht sofort denkt. Schrumpfung leert nicht einfach Schulzimmer und Pendlerzüge, sondern ganze Quartiere, Dorfkerne und Regionen. In Japan stehen mittlerweile rund 9 Millionen Wohnungen leer – in manchen Regionen ist es bereits jede fünfte. Weniger Menschen heisst eben nicht automatisch mehr Lebensqualität. Oft heisst es zuerst: weniger Auswahl, weniger Dynamik, weniger Innovation.
Weniger Stau ist angenehm. Weniger Gedränge klingt verführerisch. Aber weniger Menschen heisst eben nicht einfach: mehr Platz. Manchmal heisst es auch: weniger Wohlstand, weniger Sicherheit, weniger Zukunft.
In der Kolumne «Die Wirtschaft sind wir» beschreibt der Ökonom und Unternehmensberater Niklaus Leemann, wie die Wirtschaft fester Bestandteil unserer Gesellschaft und unseres Lebens ist.