Niklaus Leemann
Jeder kennt das Versprechen vom amerikanischen Traum: Lerne viel, sei fleissig, halte dich an die Regeln – und irgendwann geht es vom Tellerwäscher zum Millionär. Es ist vielleicht das mächtigste Wohlstandsversprechen der modernen Welt: Deine Herkunft ...
Niklaus Leemann
Jeder kennt das Versprechen vom amerikanischen Traum: Lerne viel, sei fleissig, halte dich an die Regeln – und irgendwann geht es vom Tellerwäscher zum Millionär. Es ist vielleicht das mächtigste Wohlstandsversprechen der modernen Welt: Deine Herkunft muss nicht dein Schicksal sein.
Doch wissen wenige: Die statistische Wahrscheinlichkeit, dass dieser Traum Wirklichkeit wird, ist in der Schweiz höher als in Amerika. In der Ökonomie wird das mit der sogenannten intergenerationalen Einkommensmobilität gemessen. Klinkt technisch, beantwortet aber eine ganz simple Frage: Wird Wohlstand – oder Armut – vom Elternhaus einfach weitervererbt oder sind Kinder tatsächlich ihres eigenen Glückes Schmied?
Für die Schweiz zeigen Studien einen bemerkenswert tiefen Wert: Nur rund 15 Prozent des Einkommensvorteils oder -nachteils der Eltern bleiben bei den Kindern hängen. In den USA sind es rund 35 Prozent – also mehr als doppelt so viel. Mit anderen Worten: In Amerika klebt die Herkunft deutlich stärker an einem Menschen als bei uns. Oder: Der amerikanische Traum – er ist in Wirklichkeit ein Schweizer Traum.
Ein Grund dafür ist unser Bildungssystem. Die Berufsbildung ist kein Abstellgleis, sondern eine Aufstiegstreppe. Wer eine Lehre macht, kann weiterkommen: zur Meisterprüfung, an die höhere Fachschule oder an die Fachhochschule, in die Geschäftsleitung oder in die Selbständigkeit. Gerade im Fricktal kennen wir unzählige solcher beeindruckenden Karrieren.
Aber 15 Prozent sind nicht null. Auch bei uns spielt Herkunft noch eine Rolle. Darum muss Schulpolitik früher ansetzen: bei Sprache, Grundkompetenzen und guter Förderung, bevor sich Unterschiede einzementieren. Und auch der gesellschaftliche Umgang zählt. Fragen wir junge Menschen weniger: Woher kommst du? Was machen deine Eltern? Fragen wir mehr: Was kannst du? Was willst du erreichen?
So bleibt Karriere in der Schweiz kein Traum, sondern Realität.
In der Kolumne «Die Wirtschaft sind wir» beschreibt der Ökonom und Unternehmensberater Niklaus Leemann, wie die Wirtschaft fester Bestandteil unserer Gesellschaft und unseres Lebens ist.