Die wechselhafte Geschichte der Rheinfähre
09.01.2026 KaiseraugstDie Rheinfähre in Kaiseraugst hat eine bewegte Geschichte. Lokalhistoriker Mario Lützelschwab beschreibt die Entwicklung in seinem neuen Buch.
Valentin Zumsteg
Die Gemeinde Kaiseraugst ohne Fähre – das scheint heute undenkbar. Doch so manches Mal in der ...
Die Rheinfähre in Kaiseraugst hat eine bewegte Geschichte. Lokalhistoriker Mario Lützelschwab beschreibt die Entwicklung in seinem neuen Buch.
Valentin Zumsteg
Die Gemeinde Kaiseraugst ohne Fähre – das scheint heute undenkbar. Doch so manches Mal in der langen Geschichte war ihre Zukunft ungewiss, ihr Weiterbestehen hing an einem seidenen Faden. «Die Fähre gehört einfach zu Kaiseraugst», sagt Lokalhistoriker Mario Lützelschwab. Er hat sich intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt und viele Stunden in Archiven verbracht. Jetzt legt er sein neues Buch vor: «Die Rheinfähre Kaiseraugst». Was bisher verstreut in Archiven und mehreren Büchern zu finden war, hat er zusammengetragen und in einem gut lesbaren Band vereint.
Geringer Ertrag
«Über Jahrhunderte hinweg wechselten nicht nur die Zeiten, sondern auch die Betreiber des Fährbetriebs: von den Rheingenossen über eine Fähregesellschaft zu den Brüdern Schmid, zur Gemeinde Kaiseraugst und zu den Kraftwerken Augst-Wyhlen bis zur heutigen Ortsbürgergemeinde», berichtet Lützelschwab. Die Verbindung über den Rhein war für die Menschen auf beiden Seiten des Flusses wichtig. Arbeiter nutzten die Fähre, Familien besuchten die Verwandten, es wurden Kontakte gepflegt. Ursprünglich lag der Betrieb der Fähre bei den Rheingenossen. Eine Urkunde, die um das Jahr 1500 von Kaiser Maximilian I. ausgestellt wurde, bestätigt ihnen das exklusive Recht auf Fischerei, Flösserei sowie den Transport von Menschen, Tieren und Waren auf dem Rhein.
Was bislang nicht oder kaum bekannt war: Im Jahr 1865 übernahm eine neu gegründete Fähregesellschaft den Fährbetrieb von den Rheingenossen. Damit begann ein technischer Wendepunkt: Am 11. Juni 1866 wurde mit Hilfe der «Pontonierfahrmannen» aus Rheinfelden ein Drahtseil über den Rhein gespannt – die Voraussetzung für den Betrieb einer Seilfähre. «Anstatt sich allein auf Muskelkraft, Ruder und Strömung zu verlassen, nutzte die Fähre nun gezielt die Kraft des Flusses, um sicher und kontrolliert ans gegenüberliegende Ufer zu gelangen», schildert Mario Lützelschwab.
Das Ende der Drahtseilfähre
A ls sich die Fähregesellschaft auf löste, übernahmen die Brüder Ludwig und Ferdinand Schmid die Spannseilfähre gemeinsam. Doch auch diese Ära dauerte nicht sehr lange: «Am 13. April 1898 erklärte Ferdinand Schmid dem Gemeinderat, dass aufgrund des geringen Ertrags keine Mittel für die vom Kanton vorgeschriebenen Verbesserungen vorhanden seien und er daher auf die Konzession verzichten würde.» Die Gemeinde Kaiseraugst übernahm anfangs Juni 1898 die Fähre, musste sie später aber durch eine neue ersetzen.
Der Bau der Kraftwerke Augst-Wyhlen in den Jahren 1908 bis 1912 brachte das Ende der Drahtseilfähre. Da die Strömung nicht mehr gegeben war, fehlte der Antrieb. 1912 übernahmen die Kraftwerke Augst-Wyhlen den Fährbetrieb und ersetzten die bisherige Seilfähre durch ein motorbetriebenes Boot. 1995 änderte sich dann alles: Damals wurde die neue Fussgängerverbindung über das Stauwehr in Augst offiziell eröffnet. «Durch diese Verbindung wurde die Fähre kaum mehr benutzt. Die neuen Betreiber wollten so schnell wie möglich den Fährbetrieb einstellen», erklärt Mario Lützelschwab. Die Fähre war in all den Jahrhunderten nie ein Geschäft. Im Jahr 1993/94 beliefen sich die Betriebskosten auf rund 130 000 Franken, davon allein 112 000 Franken an Löhnen. Die Einnahmen lagen hingegen nur bei 3300 Franken.
«Die Geschichte soll nicht vergessen gehen»
Schliesslich stiegen die Kaiseraugster Ortsbürger ins Boot und übernahmen die Fähre. «Der traditionsreiche Fährbetrieb war und ist bis heute defizitär und kostet die Ortsbürgergemeinde jährlich mehrere Zehntausend Franken», erläutert Lützelschwab. Trotzdem ist es in Kaiseraugst unbestritten, dass es weiterhin eine Fähre braucht – auch wenn sie heute vor allem für das Freizeitvergnügen genutzt wird.
Mario Lützelschwab hat lange an diesem Buch gearbeitet. «Finanziell lohnt sich das nicht. Für mich ist es aber wichtig, dass die Lokalgeschichte nicht vergessen geht.»
Das Buch «Die Rheinfähre Kaiseraugst» von Mario Lützelschwab kann beim Autor für 30 Franken bezogen werden.


