«Die sozialen Aufgaben werden komplexer»
16.08.2026 PersönlichHerbert Weiss: Ein Jahrzehnt für den Gemeindeverband Bezirk Laufenburg
Zehn Jahre, sieben davon als Präsident, gehört Herbert Weiss dem Vorstand an. An der kommenden Abgeordnetenversammlung gibt der Laufenburger seine Vorstandstätigkeit mit der Überzeugung ab, ...
Herbert Weiss: Ein Jahrzehnt für den Gemeindeverband Bezirk Laufenburg
Zehn Jahre, sieben davon als Präsident, gehört Herbert Weiss dem Vorstand an. An der kommenden Abgeordnetenversammlung gibt der Laufenburger seine Vorstandstätigkeit mit der Überzeugung ab, dass der Verband wichtiger ist denn je.
Susanne Hörth
NFZ: Herr Weiss, welche Bedeutung hat der Gemeindeverband für den Bezirk Laufenburg?
Herbert Weiss: Er ist eine tragende Säule der sozialen Grundversorgung in der Region. Er übernimmt für die 17 Mitgliedsgemeinden wichtige Aufgaben, die eine einzelne Gemeinde kaum in derselben fachlichen Breite, Qualität und Verlässlichkeit erbringen könnte. Dazu gehören die Berufsbeistandschaft, die Jugend- und Familienberatung, die Mütter- und Väterberatung sowie die Logopädie.
Durch den gemeinsamen Verband werden Fachwissen, personelle Ressourcen und Infrastruktur gebündelt. Damit erhalten die Einwohnerinnen und Einwohner der Mitgliedsgemeinden Zugang zu professionellen und spezialisierten Dienstleistungen – unabhängig davon, wie gross oder finanzstark ihre Wohngemeinde ist. Gleichzeitig können die Gemeinden ihre gesetzlichen und gesellschaftlichen Aufgaben gemeinsam wahrnehmen und die damit verbundenen Kosten solidarisch tragen. Der Gemeindeverband leistet damit einen wesentlichen Beitrag zur sozialen Sicherheit, zur Chancengleichheit und zum gesellschaftlichen Zusammenhalt im Bezirk.
Hat die Bedeutung in den vergangenen Jahren noch zugenommen?
Ja. Insbesondere deshalb, weil die sozialen Aufgaben komplexer und die fachlichen sowie gesetzlichen Anforderungen höher geworden sind. Die Mitgliedsgemeinden sind zunehmend auf spezialisierte Fachpersonen, verlässliche Strukturen und eine gemeindeübergreifende Zusammenarbeit angewiesen.
Gleichzeitig erschweren der Fachkräftemangel, personelle Ausfälle und steigende Anforderungen an die Qualität der Dienstleistungen die Aufgabenerfüllung. Der Gemeindeverband bündelt deshalb nicht nur Fachwissen und Ressourcen, sondern schafft auch Kontinuität, gegenseitige Absicherung und einheitliche Standards für alle Mitgliedsgemeinden.
Warum ist ein Gemeindeverband für den Bezirk Laufenburg wichtiger denn je?
Weil die kommunalen Aufgaben nicht nur anspruchsvoller, sondern auch weniger planbar geworden sind. Fallspitzen, personelle Ausfälle, Fachkräftemangel und neue fachliche Anforderungen lassen sich durch eine einzelne Gemeinde nur schwer auffangen. Selbst eine grössere Gemeinde müsste dafür dauerhaft spezialisiertes Fachwissen, Stellvertretungen, administrative Strukturen und ausreichende Reserven bereithalten. Im Gemeindeverband werden diese Anforderungen und Risiken auf mehrere Schultern verteilt. Sein besonderer Wert liegt deshalb heute in seiner Stabilität: Er kann Belastungsschwankungen besser ausgleichen, Kontinuität sichern und auch in schwierigen Phasen handlungsfähig bleiben. Die Gemeinden können sich auf eine gemeinsame, langfristig tragfähige Struktur stützen, anstatt bei personellen Engpässen oder neuen Anforderungen jeweils eigene Lösungen entwickeln zu müssen.
Auf welche Konstanten konnten Sie als Präsident stets zählen?
Auf einen engagierten Vorstand, eine sehr verlässliche Aktuarin und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung. Ebenso dankbar bin ich für die Unterstützung der Verbandsgemeinden, die die notwendigen finanziellen Mittel für die Weiterentwicklung und professionelle Aufgabenerfüllung mitgetragen haben.
Wurden Sie in Ihrer Präsidialzeit auch direkt mit Fällen konfrontiert?
Nur punktuell. Die operative Fallarbeit liegt bewusst bei unseren qualifizierten Fachpersonen. Als Präsident war es meine Aufgabe, die notwendigen Rahmenbedingungen sicherzustellen und die klare Trennung zwischen strategischer Verantwortung und professioneller Fallführung zu respektieren. Einzelne Schicksale können einen dennoch beschäftigen. Die klaren Zuständigkeiten und das Vertrauen in die Fachpersonen helfen aber, die notwendige Distanz zu wahren.
Mehrfach sprachen Sie in Ihren Jahresberichten die gestiegenen Ansprüche der Klientel wie auch die Komplexität der Fälle an.
Zusammengefasst könnte man sagen, dass sich die zunehmende Komplexität vor allem darin zeigt, dass bei den betroffenen Menschen und Familien häufig mehrere Belastungen gleichzeitig zusammenkommen – beispielsweise finanzielle Schwierigkeiten, gesundheitliche oder psychische Probleme, familiäre Konflikte und anspruchsvolle administrative Fragestellungen. Dadurch sind umfassendere Abklärungen, eine engere Begleitung und eine stärkere Zusammenarbeit mit anderen Fachstellen erforderlich.
Weitere Veränderungen?
Gleichzeitig hat sich der Zugang zu Informationen grundlegend verändert. Viele Menschen informieren sich heute vorgängig über das Internet oder mithilfe von KI-Anwendungen. Das kann zu einer besseren Vorbereitung und zu gezielten Fragen führen. Es kann aber auch vorkommen, dass Informationen unvollständig sind, aus einem anderen rechtlichen oder fachlichen Zusammenhang stammen oder auf den konkreten Einzelfall nicht zutreffen. Für die Fachpersonen entsteht dadurch vermehrt die Aufgabe, vorhandene Informationen einzuordnen, Missverständnisse zu klären und nachvollziehbar aufzuzeigen, welche Regelung oder Unterstützung im konkreten Fall tatsächlich massgebend ist.
Hinzu kommen gestiegene Erwartungen an Erreichbarkeit, Geschwindigkeit, Transparenz und individuell zugeschnittene Lösungen. Die höheren Anforderungen sind deshalb nicht einfach Ausdruck einer zunehmenden Anspruchshaltung, sondern auch Folge komplexerer Lebenssituationen, einer breiteren Verfügbarkeit von Informationen und eines veränderten gesellschaftlichen Umfelds.
Hat die zunehmende Zahl der Klienten in den verschiedenen Diensten auch mit einer erhöhten Sensibilität des Umfeldes zu tun?
Sicher auch, aber das Umfeld selbst hat sich verändert. Viele haben Mühe, mit den laufenden Veränderungen und den neuen Ansprüchen Schritt halten zu können.
Steigende Fallzahlen und zunehmende Komplexität sind eine stete Belastung für die Angestellten. Was braucht es für ihre Entlastung?
Die Mitarbeitenden benötigen ein professionelles, wertschätzendes und sicheres Arbeitsumfeld sowie genügend personelle Kapazitäten, damit dauerhaft hohe Arbeitsbelastungen und Überlastung vermieden werden können. Ebenso wichtig sind klare Zuständigkeiten, effiziente Arbeitsabläufe, zeitgemässe Arbeitsmittel und eine verlässliche Führung. Zur Entlastung tragen zudem f lexible Arbeitsmodelle mit guten Stellvertretungsregelungen, fachlicher Austausch, Weiterbildung sowie Möglichkeiten zur Fallbesprechung und Reflexion bei. Gerade in anspruchsvollen Tätigkeitsfeldern müssen Mitarbeitende schwierige Situationen nicht allein tragen, sondern auf ein tragfähiges Team und professionelle Unterstützung zählen können.
Wie gross ist Ihre Hochachtung vor der Arbeit dieser Personen?
Sehr gross. Ihre Tätigkeit ist nicht nur fachlich anspruchsvoll, sondern häufig auch mit einer erheblichen psychischen Belastung verbunden. Menschen in schwierigen Lebenssituationen professionell zu begleiten, Verantwortung zu übernehmen und dabei auch in belastenden Situationen handlungsfähig zu bleiben, verdient meinen grossen Respekt.
Mit welchen Gefühlen blicken Sie zum Ende Ihrer Amtszeit auf die Jahre beim Gemeindeverband zurück?
Die anfänglich sehr langen, oft bis Mitternacht dauernden Sitzungen waren prägend. Durch die Bündelung der Dienste am Standort Laufenburg und die Etablierung einer Geschäftsleitung wurden zeitgemässe Strukturen geschaffen – zum Wohle der Organisation, der Mitarbeitenden und des Vorstands. Ich wünsche mir, dass der steigende Trend von unterstützungssuchenden und zu unterstützenden Personen nicht weiter anhält.

