Die Sissle stirbt nicht am Klima
12.09.2026 FricktalWer in diesen Tagen der Sissle entlanggeht, findet zwischen Eiken und Frick streckenweise keinen Bach mehr, sondern ein Kiesbett. Und mit dem trockenen Bett verbreitet sich eine Erklärung, die so einfach ist wie bequem: Schuld sei der Klimawandel. Ein Gastbeitrag von Christoph ...
Wer in diesen Tagen der Sissle entlanggeht, findet zwischen Eiken und Frick streckenweise keinen Bach mehr, sondern ein Kiesbett. Und mit dem trockenen Bett verbreitet sich eine Erklärung, die so einfach ist wie bequem: Schuld sei der Klimawandel. Ein Gastbeitrag von Christoph Grenacher.
Bequem ist diese Erklärung, weil das Thema Klima gross und abstrakt ist – und letztlich niemand zuständig und final verantwortlich. Wer den Klimawandel beklagt, muss nichts ändern – aber die Sissle wird mit dieser Erklärung falsch diagnostiziert. Und wie in der Medizin gilt auch am Bach: Eine falsche Diagnose führt zur falschen Behandlung.
Trockenheit ist an der Sissle nichts Neues
Ein Blick zurück genügt, um die Klima-Erzählung zu erschüttern. Im Hitzesommer 1947 trockneten im Fricktal reihenweise Bäche aus. In Bözen versiegten die drei Sissle-Arme zum ersten Mal seit Menschengedenken, Dutzende Bachforellen gingen zugrunde. Damals wurden über 38 Grad gemessen, die Bauern kämpften ums Vieh, und die Zeitungen berichteten von sterbenden Fischen. Die Zeit war eine andere. Die Probleme waren dieselben.
Die Sissle trocknete also schon aus, lange bevor der Klimawandel ein Thema war. Wer sie heute zum Symbol der Erderwärmung macht, verwechselt eine alte Eigenheit mit einer neuen Katastrophe.
Ein Bach, der von Natur aus Wasser schluckt
Dazu kommt die Geologie. Die Sissle gilt seit je als «Problemfluss». Ihr Untergrund ist durchlässig; «der Boden schluckt viel Wasser, und es braucht mehr Niederschlag, damit sich das Bachbett füllen kann», erklärt auch der Kanton: Die Sissle trocknet regelmässig aus – nicht als Ausnahme, sondern seiner Natur nach.
Bereits in den letzten Hitzesommern 2022 und 2023 glich die Sissle einem Rinnsal. Bei Eiken floss zeitweise noch ein Liter pro Sekunde, andernorts gar nichts. Der WWF Aargau hat 2022 in Eiken 200 Meter Bachlauf revitalisiert, der Kanton plant unter dem Titel «Sissle 2030» Eingriffe auf 8,8 Kilometern. Beides hilft – aber begrenzt. Struktur, Beschattung und Niederwasserrinnen können die Not lindern, das fehlende Wasser ersetzen sie nicht. Oder wie es der WWF nüchtern zusammenfasst: «Wo das Wasser fehlt, fehlt das Wasser.»
Das ist der entscheidende Punkt: Ein Bach, der ohnehin am Limit fliesst, ist auf jeden Liter angewiesen, der ihm zurückgegeben wird. Und genau hier beginnt das effektive Problem der Sissle, über das kaum jemand spricht.
Der Entscheid, der nicht «Klima» heisst
Früher reinigten viele kleine, örtliche Kläranlagen das Abwasser und leiteten das saubere Wasser zurück in den nächsten Bach – auch in die Sissle. Dieses Klarwasser hielt die Bäche am Leben, wenn der Regen ausblieb. Nach und nach wurden die Kläranlagen durch grosse, regionale Abwasserreinigungsanlagen (ARA) ersetzt: In den letzten zehn Jahren wurden schweizweit über siebzig kleinere Anlagen stillgelegt. Das verbessert zwar die Reinigung – leitet aber gleichzeitig das Wasser um.
An der Sissle geschah das in zwei Schritten. Um die Jahrtausendwende wurde die ARA Frick stillgelegt; das Abwasser fliesst seither über einen Transportkanal nach Kaisten und von dort in den Rhein. Seit damals trocknet die Sissle ab Eiken in heissen Sommern aus. Nun folgt der zweite Schritt: Die ARA Hornussen, die letzte Anlage, deren Wasser noch in die Sissle gelangt, wird aufgehoben und an Kaisten angeschlossen. Dann verliert auch der Oberlauf seine Quelle.
Die Begründung klingt tadellos: Die Sissle sei ein «schwacher Vorf luter», der die Grenzwerte nicht mehr halte; das kantonale Konzept von 2014 verlangt darum die Aufhebung. Das ist, für sich betrachtet, korrekt. Nur hat es eine Kehrseite, die im Bewilligungsdeutsch untergeht: Was von Aarau als ökologische Massnahme verkauft wird, entzieht dem Bach seine letzte verlässliche Quelle. Man verbessert die Wasserqualität eines Baches, indem man ihm das Wasser nimmt.
Rund 10 000 Kubikmeter – pro Tag
Wie viel Wasser der Sissle dadurch fehlt, lässt sich beziffern. Eine Aufstellung, die im Fricktal kursiert, rechnet vor: Aus dem Einzug Frick verschwinden 6000 bis 8000 Kubikmeter täglich, aus dem Einzug Hornussen kommen rund 2000 Kubikmeter dazu. Macht gegen 10 Millionen Liter Wasser pro Tag; 116 Liter pro Sekunde, die der Sissle fehlen – oder andersrum: täglich 330 Tanklastwagen voller Wasser, die dem Bach nicht mehr zuf liessen. Dazu kommen die Energiekosten, die das Abpumpen Richtung Kaisten Tag für Tag verursacht.
Fische in Tümpeln, die selbst austrocknen
Die Folgen sind dramatisch. Weil die Sissle in Abschnitten vollständig austrocknete, mussten Fische und Krebse notfallmässig abgefischt werden. Man fing sie mit Keschern, versorgte sie mit Sauerstoff und setzte sie weiter oben aus – in Restwasserstellen zwischen Frick und Oeschgen, die selbst auszutrocknen drohen. Gerettet werden sie damit nicht an einem sicheren Ort, sondern in der nächsten Falle.
Besonders bitter trifft es den Dohlenkrebs. Das Einzugsgebiet der Sissle beherbergt eine Population von nationaler Bedeutung – eines der letzten Refugien dieser einheimischen Flusskrebsart, die andernorts längst verschwunden ist. 2021 hatte die Krebspest die Bestände beinahe ausgelöscht; der Kanton stellte die Sissle unter ein Sperrgebiet, ehe die Krebse als gerettet galten. Nun bedroht die Trockenheit dieselben Tiere erneut – vor allem in den Seitenbächen, ihren letzten Rückzugsräumen.
Der Vorgang ist grotesk: Auf der einen Seite kämpft man mit Notabfischungen und Entnahmestopps um jeden Tropfen. Auf der anderen wird – menschengemacht – planmässig gereinigtes Wasser aus dem Einzugsgebiet abgeleitet.
Das Seetal stellt dieselbe Frage
Wer glaubt, das sei ein Fricktaler Sonderfall, sollte ins Seetal blicken. Dort ist die grosse ARA Seetal geplant, die dereinst das Abwasser von bis zu 36 Gemeinden reinigen und nach Wildegg leiten soll. Ein früherer Gemeinderat warnt seit Monaten vor genau demselben Mechanismus: Heute fliessen täglich rund 30 Millionen Liter gereinigtes Wasser aus den Anlagen in Hochdorf, Mosen und Seengen zurück ins Gewässersystem. Wird dieses Wasser gebündelt anderswohin geleitet, drohe es, Baldeggersee, Hallwilersee und Aabach zu fehlen – mit Folgen für Temperatur, Sauerstoff und Grundwasserneubildung. Seine Frage lautet: «Wohin fliesst unser Wasser?» Es ist dieselbe Frage, die man an der Sissle stellen müsste – nur dass hier die Antwort längst feststeht. Es fliesst nach Kaisten.
Die eigentliche Frage
Der Klimawandel ist real. Er macht heisse Sommer heisser und trockene Phasen länger, und er verschärft die Lage an jedem Fricktaler Bach. Aber er hat die Sissle nicht leergepumpt. Das haben Menschen getan – mit einem Entscheid, der auf dem Papier vernünftig aussieht und im Bachbett tödlich endet. Und darin liegt, bei allem Ärger, die einzige gute Nachricht. Menschengemachte Probleme haben einen Vorteil: Menschen können sie lösen. Ob wirklich alles gereinigte Wasser aus dem Einzugsgebiet abgeführt werden muss oder ob ein Teil dem Bach bleibt, könnte in einer Jahreszeit geklärt werden – nicht in Generationen.
Was fehlt, ist nicht das Wissen. Was fehlt ist nicht die Zeit. Was fehlt, ist der Wille der Behörden, das Problem beim Namen zu nennen und faktenbasiert zu handeln. Solange sie «Klima» sagen, wo «Wasserentzug» gemeint ist, bleibt das Bachbett der Sissle trocken.


