«Die Scham ist riesig»
13.01.2026 FricktalEmil Inauen von der Caritas Aargau spricht morgen Mittwoch in Zuzgen über ein Thema, worüber viele schweigen. «Armut geht uns alle an», findet er.
Ronny Wittenwiler
NFZ: Emil Inauen, können Sie nachvollziehen, dass viele keine Vorstellung ...
Emil Inauen von der Caritas Aargau spricht morgen Mittwoch in Zuzgen über ein Thema, worüber viele schweigen. «Armut geht uns alle an», findet er.
Ronny Wittenwiler
NFZ: Emil Inauen, können Sie nachvollziehen, dass viele keine Vorstellung davon haben, was Armut bedeutet?
Emil Inauen: Sehr gut sogar. Ich sehe das auch in meinem privaten Umfeld: Viele haben keine Berührungspunkte damit. Armut ist zudem ein grosses Tabuthema. Ich erlebe, wie Leute, die in die Armut geraten, plötzlich aus allen Wolken fallen.
Wann reden wir hierzulande denn von Armut? Es geht wohl kaum um den Zugang zu Trinkwasser.
Es gibt verschiedene Definitionen. Gemäss SKOS-Richtlinie (Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe; die Redaktion) gilt eine Einzelperson mit gut 2300 Franken Einkommen beziehungsweise eine vierköpfige Familie mit 4050 Franken als arm. Wir haben aber auch viele Leute, die leicht über dieser Grenze liegen. Kommt eine Zahnarztrechnung hinzu, schon kippen sie in die Schulden. Für uns sind das auch Armutsbetroffene. Kann jemand in normalem Ausmass am gesellschaftlichen Leben teilnehmen: Mitmachen in einem Verein? Mal einen Kaffee trinken mit einem Kollegen? Solche Dinge zeigen uns, ob jemand arm ist oder nicht.
Wie allgegenwärtig ist diese Armut?
Allein gemessen an den SKOS-Richtlinien, leben in der Schweiz 700 000 Armutsbetroffene. Hinzu kommen noch einmal 700 000 Menschen, die eine Rechnung von 2500 Franken nicht zahlen können. Dann sind wir bei 1,4 Millionen. Das ist eine riesige Zahl, etwa jede siebte Person im Land.
Mit einer Rechnung von 2500 Franken meinen Sie eine unvorhergesehene?
Genau. Man kommt gerade so knapp durch und durch irgendein Ereignis kommt eine Rechnung hinzu – schon haut es einen aus der Bahn. Man spricht in diesem Kontext von Armutsgefährdung.
Sind die Regionen unterschiedlich betroffen?
Generell lässt sich sagen, dass es riesige Unterschiede gibt. Sozialhilfequoten in Kantonen und Gemeinden liefern dazu Anhaltspunkte, auch die Preise für Wohnraum. Im letzten Jahr bewilligte der Bund ein Armutsmonitoring, das nun ganz konkrete Zahlen liefern soll.
Wie erleben Sie Ihre Klientel?
In unseren Kirchlichen Regionalen Sozialdiensten der Caritas bieten wir freiwillige Beratung an. Die Menschen machen den Schritt von sich aus. Deshalb erleben wir sie häufig als gut motiviert; bereit, ihre Situation ändern zu wollen. Natürlich ist unsere Klientel auch zu Teilen ein Abbild unserer Gesellschaft: starke, aber auch verzweifelte Personen, fragile Personen, psychisch angeschlagene.
Ist Scham manchmal genauso erdrückend wie die Not selbst?
Die Scham ist riesig. Es gibt Personen, die schicken ihr Kind lieber nicht ins Lager oder melden es nicht im Verein an, statt zu uns zu kommen. Sie trauen sich nicht, Hilfe anzunehmen, ziehen sich in die Isolation zurück, weil sie sich schämen.
Das sind riesige Hürden, die es zu überwinden gilt. Das sehen wir auch in der Sozialhilfe. Es gibt Studien zum Nichtbezug: Man geht davon aus, dass mehr als ein Drittel keine Sozialhilfe bezieht. Scham ist ein Grund dafür. Armut ist auch stigmatisiert.
Leistungsgesellschaft: Wer fleissig ist, rutscht nie in die Armut?
Genau. Oder im Umkehrschluss: Wer arm ist, der ist faul. Dagegen wehren wir uns. Wir haben viele Alleinerziehende, viele Working Poor. Mehr als 300 000 Menschen haben eine Arbeit, sind am Kämpfen – und es reicht trotzdem nicht.
Armut geht uns alle an?
Auf jeden Fall.
Warum?
Es gibt so viele Argumente. Arme Menschen leben ungesünder. Das wiederum führt zu Krankheitskosten im Gesundheitssystem. Ein anderes Beispiel ist das Bildungsniveau, worauf wir alle stolz sind. Die Chancen auf Bildung stehen besser, wenn man nicht arm ist. Das führt zu einer besseren Wirtschaftsleistung. Sozialer Friede ist ein weiteres Thema: dass wir als starke Gesellschaft zueinander schauen.
Solidarität ist ein wichtiges Gut, das müssen wir pflegen. Und ich glaube, die Schweiz kann sich das leisten.
Ein schlechtes Gewissen allein, dass es uns «anderen» gut geht, hilft nicht, Armut zu bekämpfen. Was können wir als Einzelne dagegen tun?
Im persönlichen Umfeld Augen und Ohren offen halten. Warum kommt ein Kind nicht mit ins Lager? Zieht sich jemand zurück? Wer solche Dinge auch mal anspricht, kann etwas bewirken. Viele Hilfswerke bieten die Möglichkeit, sich zu engagieren: In der Begleitung und Unterstützung von Armutsbetroffenen, genauso durch Spenden. Und im politischen Dialog müssen wir das Thema differenziert angehen: Dass Armut eben kein Stigma sein darf, dass es nicht mit Scham verbunden ist – und man stattdessen miteinander nach Lösungen sucht.
«Armut im Fricktal – Blick auf ein oft verschwiegenes Thema.»
Emil Inauen und Debora Toma von der Caritas Aargau gewähren Einblicke in die Arbeit und die Erfahrungen aus dem Alltag: morgen Mittwoch, 14. Januar, um 19 Uhr, im reformierten Kirchgemeindezentrum Zuzgen. Es laden ein die Ökumene im Wegenstettertal und der Pastoralraum Möhlinbach.

