Die Farbe der blauen Stunde
10.04.2026 RheinfeldenDer Rheinfelder Kunstmaler Viktor Hottinger ist bekannt für seine Landschaften in gelben, grünen und insgesamt hellen Farben. Indigo aber, dieses tiefe Blau an der Grenze zu Violett, hat in seinem Leben eine besondere Bedeutung.
Von Andreas Fischer *
Zehn Jahre ist es ...
Der Rheinfelder Kunstmaler Viktor Hottinger ist bekannt für seine Landschaften in gelben, grünen und insgesamt hellen Farben. Indigo aber, dieses tiefe Blau an der Grenze zu Violett, hat in seinem Leben eine besondere Bedeutung.
Von Andreas Fischer *
Zehn Jahre ist es her, dass Viktor Hottingers Ehefrau Käthi, erst sechzigjährig, starb. Danach, erzählt er, habe er zwei Jahre lang nichts mehr in die Hand genommen, keinen Pinsel, kein Kornett. Doch dann sagte etwas in ihm: «Jetzt musst du einfach!» «Bilder aus dem richtigen Leben» lautete der Titel der viel beachteten Ausstellung in der Rheinfelder Johanniterkapelle, mit der er 2019 in die Öffentlichkeit zurückkehrte.
Im Zentrum stand ein Triptychon zum «Abendlied» des deutschen Dichters Matthias Claudius (1740–1815). Das Lied, erzählt Hottinger, habe ihn schon als Kind berührt, besonders die Melodie, die sei «so schön», sagt er mit gedehntem «o», «so harmonisch». Er liebe das, und auch wenn er, wenn es sein müsse, durchaus streiten könne, hasse er Streit. «Die Zeit, in der wir leben, verstehe ich nicht», sagt er. «Sie steht dem Abendlied diametral entgegen.» Eine Zeile war es, die ihn damals, beim Tod seiner Frau, besonders berührte – «und unsern kranken Nachbarn auch». Auch wenn Käthi, Mutter seiner beiden Söhne und die Liebe seines Lebens, für ihn mehr war als ein Nachbar: Die Zeile wirkte tröstlich.
«Zwischen Licht»
Die drei Bilder zu drei Strophen aus dem «Abendlied» sind im Indigo-Ton gemalt. «Meine früheren Bilder sind alle hell», erzählt er. «Die Menschen warteten darauf, dass es wieder hell wird bei mir. Doch das brauchte Zeit, drei, vier Jahre später war es wieder so weit.» Mit den dunklen Bildern, geprägt von dieser Farbe – «dieses tiefe, dunkle Blau, kurz vor dem Violett» –, verarbeitete er den Tod seiner Frau. Die Farbe, sagt Hottinger, taucht in der Abenddämmerung auf, der sogenannten blauen Stunde. «Zwischen-Licht» habe seine Schwiegermutter dieser Zeit, wo es nicht mehr Tag und noch nicht Nacht ist, jeweils gesagt. «Indigo», fährt Hottinger mit seinen Erläuterungen fort, «ist eines der ältesten pflanzlichen Pigmente, schon in prähistorischer Zeit wurde es zum Einfärben von Textilien verwendet. Heute wird der Farbstoff vorwiegend synthetisch hergestellt, 10 000 Tonnen davon werden jährlich für die Färbung von Blue Jeans verwendet.» Bei seinen «Abendlied»-Bildern benutzte er kein Schwarz, sondern, eben, Indigo, das er dann mit anderen Buntfarben zur gewünschten dunklen Tönung vermischte. Dasselbe gilt für die Bilder seines aktuellen Kunstkalenders. Er trägt den Titel «Mondkalender 2026». Seit dreissig Jahren gestaltet Hottinger im Stil einer Biennale alle zwei Jahre einen solchen Kunstkalender.
Zunächst zweifelte er, ob er die zwölf Bilder für den Kalender hinkriege, und ob sich überhaupt jemand dafür interessieren würde. Doch das Thema liess ihn innerlich nicht los. Also fing er an, und mit Biegen und Brechen – «irgendwie wird immer alles zurzeit fertig» – brachte er die Bilder bis zur Deadline zustande. Und als er den Mondkalender, in kleiner Auflage, zum Verkauf anbot, staunte er: «Die Leute hatten Freude, die Kalender gingen weg wie frische Weggli.» Warum, wisse er selber nicht genau, er könne nur spekulieren. «Der Mond verbreitet romantisches Licht und zieht still und friedlich seine Bahn. In einer klaren Mondnacht kehrt sich vieles zum Guten», sagt Hottinger. Vielleicht sehne man sich in der Zeit, in der wir leben, nach kosmischer Ordnung.
Mondoline, Mondzart
Er selbst sei zwar kein Lunatiker, aber der Mond fasziniere ihn schon. «Wenn du in einer Vollmondnacht mit Feldstecher zum Himmel schaust, dann ist das ergreifend. Manchmal gehe ich auf einen Hügel, da sieht man ihn am besten.» Als er den Blutmond am 27. Juli 2018 oberhalb von Magden betrachten wollte, habe er sich allerdings genervt über all die Autos und Teleobjektive, die da herumstanden. «Ich habe mich dann irgendwo an den Rand verdrückt, wo ich Ruhe hatte. Und ehrlich gesagt, als dieser rote Mond dann auftauchte … ich hatte mir das schöner vorgestellt. So eine silbrige Sichel gefällt mir persönlich viel besser.»
Die einzelnen Blätter des Mondkalenders sind mit «Mondoline», «Ostermond», «Bananenmond», «Mondsichel», «Mondzart über Salzburg» usw. überschrieben. Wer Hottingers Humor und Sprachwitz kennt, ahnt, dass da Diverses am Himmel hängt, eine Mandoline, ein Osterei, eine Banane, eine Sichel etc. Tatsächlich geht Hottinger bei seinen Bildern stets von der Sprache aus. Für den Kalender habe er sich wochenlang Notizen im Zusammenhang mit «Mond» gemacht, gegen fünfzig Begriffe seien ihm in den Sinn gekommen. Diese habe er auf zwanzig reduziert und dazu dann rudimentäre Skizzen gemacht. Manche Themen habe er doppelt und dreifach umzusetzen versucht, manchmal habe er eingesehen: «Das geht gar nicht, das ist eine Fleissarbeit, also ohne Inspiration. Es gibt Sachen, die passieren einfach, anderes ist erkämpft. Es ist nicht so, dass einem immer alles aus dem Ärmel rutscht. Und an manchen Tagen spürst du: Heute ist nicht gut.» Dann lege man den Pinsel am besten wieder weg.
Fünfzig Jahre Kunstmaler
Seit fünfzig Jahren ist der inzwischen 82-jährige Hottinger nun freischaffender Maler. Ja, Maler sei die richtige Bezeichnung, sagt er, «genauer: Kunstmaler, also nicht Flachmaler und auch nicht Künstler». Maler gebe es viele, Künstler nur sehr wenige, das seien Ausnahmeerscheinungen. «Wenn jemand sagt, er sei Künstler, und dann fragt man ihn, wie lange er schon Künstler sei, und dann sagt er, seit einem Jahr, dann, naja, ist das eher eine Aussage über seinen Charakter», bemerkt Hottinger spitz. Manchmal werde er gefragt, wie lange er an einem Bild gemalt habe. «Die Leute wollen eine bestimmte Stundenzahl, damit sie daraus meinen Stundenlohn berechnen können. Zehn Stunden für ein Bild, das mache dann 150 Franken pro Stunde, so denken die.» Aber dieses monetäre, kalkulierende Rechnen, sagt Hottinger, sei nicht sachgemäss; seine Antwort laute dann jeweils: «Fünfzig Jahre».
Vom 12. April bis 14. Juni sind im reformierten Kirchgemeindehaus Kaiseraugst Bilder von Viktor Hottinger zu sehen, u. a. das Triptychon zum «Abendlied» und die Originale der Blätter des Mondkalenders. Die Ausstellung trägt den Titel «indigo» und wird von verschiedenen Anlässen begleitet. Am 3. Mai um 17.15 Uhr wird Hottinger mit seinen «N’AWLINS SIX» auftreten. Die Vernissage findet am kommenden Sonntag, 12. April, im Anschluss an den Gottesdienst (Beginn 10 Uhr) statt.
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Andreas Fischer ist reformierter Pfarrer in Kaiseraugst.

