«Die Baubranche ist stärker betroffen»

  29.08.2023 Fricktal, Wirtschaft

Am kommenden Fricktaler Wirtschaftsforum wird der Fachkräftemangel aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Eine der Podiumsteilnehmerinnen ist Barbara Bourouba, Personalverantwortliche der Erne-Gruppe. Die NFZ konnte sich vorgängig mit ihr unterhalten.

Susanne Hörth

NFZ: Frau Bourouba, wie erleben Sie den Arbeitskräfte-Mangel in Ihrem Unternehmen?
Barbara Bourouba:
Der Arbeitskräftemangel aufgrund des demografischen Wandels ist inzwischen auf dem gesamten Arbeitsmarkt spürbar. Als Bauunternehmen sind wir eher stärker betroffen als gewisse andere Branchen. Zum einen, da die Digitalisierung und Automatisierung in der Baubranche weniger schnell voranschreitet und unser Personal noch zu wenig entlastet. Zum anderen kommt hinzu, dass Frauen weiterhin schwer für die Branche zu gewinnen sind. Auch ehemalig ausländische Fachkräfte finden in ihrer Heimat wieder vermehrt Arbeit und immer weniger Schulabgänger entscheiden sich für eine Lehre und schliessen diese erfolgreich ab, auch im Bauwesen. Die grössten Herausforderungen stellen für uns die Stellen im Baumeisterbereich dar: Poliere und Bauführer Hoch- und Tiefbau suchen wir an allen Standorten.

Wenn es um Mangel an Arbeitskräften geht, ist da «nur» die Rede von qualifizierten Fachleuten? Oder betrifft es auch Stellen, welche einen etwas weniger schweren Ausbildungsrucksack voraussetzen?
Allgemein spricht man von einem Arbeitskräftemangel. Bei der Erne-Gruppe fehlen jedoch vor allem ausgebildete Fachkräfte mit einer abgeschlossenen Lehre im Bauwesen, ergänzt mit passenden Weiterbildungen. Die offenen Stellen, welche ein Studium voraussetzen, sind im Vergleich einfacher zu besetzen und wir erhalten mehr qualifizierte Bewerbungen.

«Das Fricktal ist dank seiner zentralen Lage, Innovationskraft und internationalen Vernetzung einer der dynamischsten und attraktivsten Unternehmensstandorte der Schweiz», heisst es auf einer Aargauer Internetplattform. Welche Anstrengungen braucht es, damit mehr Leute in unserer Region eine Arbeitsstelle antreten möchten?
Viele spannende Unternehmen befinden sich im Aargau – dies konnten wir im vergangenen Jahr erneut feststellen, als die Erne AG Holzbau für den Aargauer Unternehmenspreis nominiert wurde und schliesslich sogar den ersten Platz gewann. Für diesen Wettbewerb engagiert sich der Aargauische Gewerbeverband in Kooperation mit der Aargauischen Kantonalbank bereits seit 16 Jahren. Weitere staatliche Standortförderung vertritt der Verband Worklife Aargau mit dem Ziel, Fachkräfte für die Region zu gewinnen beziehungsweise deren Abwanderung in andere Regionen zu vermeiden. Dennoch ist und bleibt es schwieriger, Fachkräfte zu finden im Vergleich zu Basel oder Zürich – nicht zuletzt auch durch die schlechtere Anbindung mit dem ÖV. Für ein traditionsreiches Familienunternehmen wie die Erne-Gruppe bietet die Regionalität des Fricktals jedoch einen grossen Vorteil: Als Arbeitgeber und Lehrbetrieb sind wir in der Region bekannt und geschätzt.

Das Wirtschaftsforum 2023 wird am 7. September um 18 Uhr im Saalbau in Stein zum Thema Fachkräftemangel stattfinden.


Junge Leute wünschen auch gut  bespielte Social-Media-Kanäle

Der Berufsnachwuchs hat bei der Erne-Gruppe einen hohen Stellenwert

Das Wirtschaftsforum Fricktal am 7. September in Stein geht der Frage nach, was gegen den Fachkräftemangel getan werden kann. Im zweiten Teil des NFZ-Interviews spricht Erne-Personalverantwortliche Barbara Bourouba über die wichtige Ausbildung von jungen Leuten.

Susanne Hörth

NFZ. Frau Bourouba, von der Erne-Gruppe wird auch immer wieder gesagt, dass ihr die Ausbildung von jungen Leuten ein sehr grosses Anliegen ist. Gibt es Erhebungen, wie viele der Lehrabgänger im Betrieb bleiben?
Barbara Bourouba:
Die Ausbildung unserer Lernenden war und ist für die Familie Erne schon immer eine Herzensangelegenheit. Sie ist nach wie vor eine der wichtigsten Investitionen in die personelle Zukunft unserer Unternehmungen und der Branche. Nach dem Lehrabschluss in diesem Jahr konnten wir 10 von 15 erfolgreich abschliessende Lernende für eine weiterführende Anstellung bei uns begeistern und somit hoffentlich langfristig binden. Solche Übernahmen sind für uns eine grosse Chance, denn nach drei oder vier Jahren intensiver Ausbildung kennen die Lernenden unsere Prozesse und können sich gut mit der Unternehmenskultur identifizieren.

Braucht es heute mehr Anstrengungen, den Berufsnachwuchs wie auch bisherige Arbeitnehmende im Unternehmen zu halten?
Wir haben Umfragen und Workshops mit unseren Mitarbeitenden sowie Interviews mit unseren Führungskräften durchgeführt, um herauszufinden, was uns als Arbeitgeber attraktiv macht. Das Ergebnis ist unser Arbeitgeberversprechen. «Die Erne-Gruppe steht für Innovation aus Tradition – gemeinsam neue Aufgaben meistern, kompetent, innovativ und unglaublich familiär». Ein erfolgreiches Employer Branding stärkt nicht nur die Arbeitgeberattraktivität für externe Kandidaten auf dem Arbeitsmarkt, sondern auch die Bindung unserer bestehenden Mitarbeitenden.

Wo braucht es zusätzliche Anstrengungen?
Im Rahmen der Umfrage mit unseren Mitarbeitenden haben wir zudem nach Schwächen und Verbesserungspotential gefragt. Obwohl die Digitalisierung in den letzten Jahren stark vorangeschritten ist – Einsatz von 3D-Modellierungen, Robotern und digitaler Vermessungstechnik, herrscht weiterhin eine hohe Belastung auf der Baustelle. Eine Vereinbarkeit von Familie und Beruf und einer guten Work-Life-Balance gestaltet sich weiterhin als schwierig. Diese Problematik ist in der Branche bekannt und wir möchten auf den Wunsch unserer Mitarbeitenden nach mehr Erholung und Flexibilität reagieren. Aufgrund dessen versuchen wir derzeit im Rahmen von Pilotversuchen individuellere und flexiblere Arbeitsmodelle zu kreieren und etablieren.

Sie haben die Work-Life-Balance erwähnt. Verschärft das die Problematik um die fehlenden Arbeitskräfte zusätzlich?
Studien haben bewiesen, dass Erholung respektive Work-Life-Balance die Effizienz und Leistungsfähigkeit und damit einhergehend die Arbeitssicherheit steigert. Aus diesem Grund sehen wir Work-Life-Balance nicht als Problematik, sondern als Lösung. Doch die Baubranche ist bekannt als Branche, in der grundsätzlich schon immer viel gearbeitet wurde – bis heute. Die Arbeitszeit bleibt deshalb aktuell noch ein schwer anzutastendes Thema, welches durch den GAV sehr präzise geregelt ist. Die in den letzten Jahren aufgekommene Offenheit für f lexiblere Arbeitsmodelle sollte von dieser Seite her wie auch von Sozialpartnern unterstützt und gefördert werden, um die Attraktivität der Branche besonders für Familien zu steigern.

Muss das Fricktal in Bezug auf die Ausbildung der kommenden Generationen noch mehr  tun?
Die Lehrstellensuchenden von morgen: Die Generation Z und die folgende Generation Alpha haben teilweise andere Bedürfnisse und Ansprüche an ihre Arbeitswelten. Folglich müssen Lehrbetriebe in Zukunft im Rahmen der Rekrutierung neue Wege beschreiten. In einer kürzlich durchgeführten Umfrage haben wir uns erkundigt, was unseren Lernenden bei der Lehrstellensuche wichtig war, warum sie sich für uns entschieden haben und was wir bei der Rekrutierung der Lernenden zukünftig beachten sollten. Gut gepflegte und mit relevantem Content bespielte Social-Media-Kanäle wie Instagram und TikTok werden dank der hohen Social-Media-Affinität der Lehrstellensuchenden immer relevanter. Die Erne-Gruppe wird auf diesen schnellfahrenden Zug aufspringen und beschäftigt sich derzeit mit der Content-Planung für diese Kanäle.

Was braucht es weiter?
Unverzichtbar sind weiterhin etablierte Magnete wie Lehrstellenmessen und Lehrstellenplattformen. Wir veranstalten jährlich nach den Sommerferien zusätzlich eine eigene Lehrstellenmesse, bei der alle 15 Lehrberufe vorgestellt und praktisch ausprobiert werden können. Denn auch wenn Video-Testimonials zu den Lehrberufen und die Möglichkeit von WhatsApp-Bewerbungen sicher hilfreich sind, setzen wir alles daran, die Leidenschaft für einen Beruf in der Baubranche weiterhin mit Hilfe von Schnupperlehrstellen zu wecken. Die Firma Husner AG Holzbau ist ein grosses Vorbild für die restlichen Lehrbetriebe der Erne-Gruppe. Die Lehrstellen als Zimmerin/ Zimmermann sind nicht nur wegen des Werkstoffs Holz beliebt unter den Schulabgängern. Auch die Erne AG Bauunternehmung schreibt Schlagzeilen – mit Stolz können wir sagen einen Maurer Champion ausgebildet zu haben, der sich im Maurerhandwerk für EuroSkills 2025 qualifiziert hat. Backstein für Backstein zum Erfolg!

Es gibt also trotz Fachkräftemangel erfreuliche Entwicklungen. Können Sie weitere nennen?
Stolz können wir trotz Fachkräftemangel sagen: Für dieses Lehrjahr konnten wir alle Lehrstellen erfolgreich besetzen. Sehr erfreulich entwickelt sich ausserdem die Digitalisierung in allen Unternehmen. Die Erne AG Bauunternehmung beschäftigt inzwischen ein siebenköpfiges Team für digitales Planen und Bauen, welches die Poliere und Bauführer auf unseren digitalen Baustellen unterstützt. Der Holzbau macht ebenfalls grosse Fortschritte dank digitaler Fertigungsroboter und individueller Software in den Produktionshallen.

Wir hoffen, dank der voranschreitenden Digitalisierung personelle Ressourcen an manchen Stellen einsparen und optimieren zu können und wiederum zukunftsorientiertere, neue Stellen zu schaffen. Weiterhin sind wir dank der Nachfolgeübergabe von Erich Erne an seine Söhne Daniel und Christoph Erne froh, dass die Familie Erne im Verwaltungsrat Bestand hat. Dies sichert uns gute Zukunftsaussichten, die für ein Familienunternehmen mit 117 Jahren am Markt sicher nicht selbstverständlich ist.


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