«Der Strauss oder Mahler der Schweiz»
09.07.2026 LaufenburgDer vor 100 Jahren verstorbene Hermann Suter wurde als bedeutender Liedkomponist gewürdigt
Über das Leben Hermann Suters (1870 bis 1926) informiert eine Ausstellung im Rathaus von Badisch-Laufenburg. Viele Besucher nahmen am Sonntag im Schlössle die Gelegenheit wahr, seine ...
Der vor 100 Jahren verstorbene Hermann Suter wurde als bedeutender Liedkomponist gewürdigt
Über das Leben Hermann Suters (1870 bis 1926) informiert eine Ausstellung im Rathaus von Badisch-Laufenburg. Viele Besucher nahmen am Sonntag im Schlössle die Gelegenheit wahr, seine Werke kennenzulernen.
Michael Gottstein
Während das «Laufenburger Lied» in der Region weithin bekannt ist, sind die meisten Werke Suters seltener zu hören – insofern war das Konzert ein wichtiger Beitrag zum 100. Todesjahr des Komponisten. Die Ausführenden waren der Tenor Tino Brütsch, die Violinistin Daria Zappa, die Cellistin Anna Tyka Nyffenegger sowie der Komponist und Pianist Massimiliano Matesic. Der Schwerpunkt des Programms lag auf der Liedkunst, die wohl den Kern von Suters Schaffen bildet. Einen weiteren Höhepunkt bildeten Kompositionen Massimiliano Matesics, der nicht nur durch seinen Wohnort Kaiserstuhl, in welchem Hermann Suter geboren wurde, sondern auch durch seine tiefe Beziehung zur Musik der Romantik mit Suter verbunden ist. «Suter ist gewissermassen der Richard Strauss oder Gustav Mahler der Schweiz», meinte Matesic. Zwar ist er weitaus weniger bekannt, aber seine Verdienste um das Musikleben zwischen Basel und Zürich sind nicht hoch genug einzuschätzen. Der Spätromantiker Suter stand weniger in der Traditionslinie von Berlioz, Liszt und Wagner, sondern vertrat die «konservativere» Romantik im Gefolge von Brahms, und gleich seinem Vorbild hatte er einen hohen, ernsthaften Anspruch an die Kunst.
Dies kam besonders in den beiden Liedern aus Suters op. 8 zum Ausdruck: Dem «Schlummerlied» nach Ferdinand von Saar und dem «Abendlied» nach Gottfried Keller. Geschrieben wurden sie für eine Altstimme (weshalb sie von Matesic für Tino Brütsch arrangiert worden waren) und eine reiche Instrumentalbegleitung mit Klavier, Violine und Cello. Schnell wurde deutlich, wie meisterhaft Suter den Charakter der Gedichte umsetzte, die in Naturbildern die Vergänglichkeit beschrieben. Dem Tenor gelang eine sehr differenzierte, einfühlsame und dynamisch nuancierte Interpretation, und die Instrumentalgruppe steuerte eine reiche Begleitung bei, in der Suters kompositorisches Können hervorstach: Die Struktur war komplex, gleichwohl von hoher emotionaler Ausdruckskraft, und die motivische Dichte erinnerte an Brahms.
Zusammen mit dem Sänger stellte Matesic vier seiner eigenen Werke aus dem Jahr 1988 vor, als er symbolistische Gedichte von Rilke, Hofmannsthal und Hesse vertont hatte. Der «Vorfrühling» stellt den «wehenden Wind» durch eine fliessende Kantilene dar, die in spätromantischer Manier von Dreiklangsbrechungen umf lossen wurde. Im «Herbsttag» bestach die pianistische Bravour, die die Gewalt der Herbststürme lautmalerisch umsetzte. Ein subtiles Stimmungsbild war der «Regen in der Dämmerung», expressiv hingegen – und den Tenor fordernd – war das Lied «Böse Zeit».
Bei Suters «Drei Liedern» op. 12 handelte es sich um Originalkompositionen für Tenor und Klavier. Eine ungetrübte Idylle zeichnete das anmutige «Schifferliedchen» (Gottfried Keller). Kunstvolle Zurückhaltung und ein gediegenes Piano des Tenors zeichneten die Erstarrung der im Nebel versinkenden «Stillen Stadt» (nach Richard Dehmel) nach, während in Dehmels «Anbetung» die Grenze zum Expressionismus überschritten war: Das Erklettern eines Turmes durch das lyrische Ich gipfelte in einer ekstatischen Hingabe an den Wind und in einer mystischen Feier des Lebens, ausgedrückt in einer klangrauschartigen Klavierbegleitung mit markanten Tremoli und einem affektgeladenen Gesangspart.
Nach der Pause führte Massimiliano Matesic zusammen mit den Streicherinnen das Adagietto und Finale aus seinem erst kürzlich entstandenen Klaviertrio Nr. 2 auf. Das Werk ist dem Geist der Romantik verhaftet, aber der Komponist hatte sich von seinen Vorbildern emanzipiert und unverkennbar eine eigene Tonsprache gefunden. Von Suter waren noch drei Lieder aus op. 22 für Klavier und Stimme zu hören. Wie ein Nachhall der Frühromantik wirkte das zarte Lied «Nepomuks Vorabend» nach Goethe. Im Lied «Am fliessenden Wasser» (Gottfried Keller) gelang es Tino Brütsch, nicht nur die idyllische Stimmung, sondern auch die unterschwellige Sehnsucht zu evozieren. Eine andere Facette Suters, nämlich seinen Sinn für Abgründiges und Düsteres, erlebte man in der Vertonung von Kellers «Gasel».
Werke von Suters Zeitgenossen Lili Boulanger, Gustav Holsts und Richard Strauss beendeten das niveauvolle Konzert, das einen seltenen und recht tiefen Einblick in Suters Schaffen gewährte.


