Der Barockstil war dem Rokoko zu schlicht

  08.03.2026 Laufenburg

Wenn am Sonntag beim St.-Fridolins-Fest in Bad Säckingen der berühmte Rokoko-Schrein mit den Gebeinen des Heiligen durch die Gassen der Altstadt getragen wird, dann werden auch viele Besucher aus dem Fricktal dem Ereignis beiwohnen. Nicht allen dürfte bekannt sein, dass sich der frühere St.-Fridolins-Schrein in Laufenburg befindet.

Michael Gottstein

Die Gebeine des «Missionars der Alemannen» wurden im Laufe der Jahrhunderte mehrfach umgebettet. Die Gestaltung des Schreins sowie die Präsentationsformen der Reliquien wechselten mit dem Zeitgeschmack und den vorherrschenden Kunststilen und standen in enger Beziehung zur Architektur und Ausstattung der Kirchen.

In der Krypta des Bad Säckinger Münsters befindet sich ein merowingischer Sarkophag, aber ob er einst die Reliquien des Heiligen verwahrte, ist nicht völlig klar. Fridolin Jehle, der Verfasser der Geschichte des Stiftes Säckingen, vermutet, dass die Reliquien bis in das 17. Jahrhundert hinein in einer aus dem Mittelalter stammenden, schmucklosen Holzkiste lagen. Die Region litt schwer unter den Folgen des Dreissigjährigen Krieges. Bei der Wiederherstellung der Gotteshäuser wurden diese im barocken Geschmack umgestaltet.

In Laufenburg entstanden zwischen 1666 und 1702 der Secunda-Altar, als Gegenstück der Maria-Immaculata-Altar sowie die beiden inneren Altäre der heiligen Katharina und des heiligen Sebastian: Es sind typisch barocke Altäre mit schwerem Stuck und Schnitzwerk in überbordender Fülle.

Die Barockisierung des Münsters
Nachdem französische Truppen die Stadt Säckingen angezündet hatten und das Münster ausgebrannt war, begann 1678 die Barockisierung des im Kern gotischen Kirchenbaus. Zwei Seitenkapellen wurden angebaut, und das Innere wurde mit Wessobrunner Stuck und Fresken Franz Anton Giorgiolis ausgestattet – in den Seitenkapellen hat sich die barocke Dekoration noch erhalten. Schon früher, im Jahre 1661, wurde im Auftrag der Äbtissin Franziska von Schauenburg ein Holzschrein für die Gebeine des heiligen Fridolin angefertigt. Die gegenreformatorische Volksfrömmigkeit und die oft mit dem Vanitasgedanken einhergehende barocke Vorliebe für opulente theatralische Inszenierungen verlangten nach einer neuen Präsentation der Reliquien: Die Gebeine sollten, auf Samt gebettet und reich geschmückt, den Gläubigen präsentiert werden. Der barocke Schrein ist nach architektonischen Prinzipien aufgebaut. Die vier Ecken werden jeweils durch ein Doppelpaar aus korinthischen Säulen betont, die ein verkröpftes und ein von einem Segmentbogengiebel bekröntes Gesims tragen. Silberne Puttenköpfe und Vasen mit stilisierten Rauchschwaden verzieren den Schrein. Zwischen den Säulen fällt der Blick durch die grossen Stichbogenfenster auf die Reliquien.

Der Rokoko-Stil triumphiert
Im Jahre 1751 brach im Münster ein Feuer aus, dem die Obergeschosse der Türme und ein Teil des Langhauses zum Opfer fielen. 23 Jahre nach Vollendung der Barockisierung war das Münster erneut eine Ruine. Mit der Neugestaltung wurden Johann Michael Feuchtmayer d.J. (Stuckarbeiten) und Franz Josef Spiegler (Fresken) beauftragt. Die 1753 vollendete Neuausstattung des Langhauses im heiteren und luftigen Stil des süddeutschen Rokokos gefiel den Stiftsdamen so sehr, dass sie auch den im Kern gotischen und mit dem schweren barocken Stuck der älteren Wessobrunner Schule ausgestatteten Chor im Rokoko-Stil erneuern liessen. Auch die Innenräume der Laufenburger St.-Johann-Kirche wurden Mitte des 18. Jahrhunderts dem Zeitgeschmack entsprechend angepasst. Johann Michael Hennevogel war für die Stuckarbeiten, Johann Anton Morath für die Fresken verantwortlich. Den Abschluss bildete der 1770 bis 1772 entstandene Hochalter von Matthias Faller und Jakob Sebastian Nisslin, bei dem die barocke Schwere in Rocaillen aufgelöst, die statischen Notwendigkeiten durch Ornamentschmuck überspielt werden.

Für den damaligen Zeitgeschmack war der bisherige St.-Fridolins-Schrein einfach zu schlicht. Die letzte Fürstäbtissin Maria Anna von Hornstein-Göffingen liess in Augsburg einen neuen Schrein anfertigen. Die Stadt war nicht nur ein europaweit berühmtes Zentrum der Goldschmiedekunst, die dortige Akademie beeinflusste auch stark die süddeutsche Malerei des 18. Jahrhunderts. So erklärt sich, dass der von Gottlieb Emanuel Oernster ausgeführte Silberschrein in enger stilistischer Verwandtschaft zu den Stuckarbeiten Feuchtmayers d.J. steht. Der Preis in Höhe von fast 9000 Gulden überschritt die veranschlagte Summe von 5000 Gulden, doch die Fürstäbtissin hatte gut gewirtschaftet, so dass in ihrer «Hauskasse» noch genügend Geld vorhanden war.

Aus dem Fridolins- wird der Secunda-Schrein
Die Stiftsdamen schenken der Laufenburger Kirche den älteren Schrein, in den die Gebeine der heiligen Secunda gebettet wurden. Sie war eine römische Märtyrerin des dritten Jahrhunderts, und ihre Reliquien kamen im Zuge der Gegenreformation nach Laufenburg. Noch heute werden sie im Zeitgeschmack des Rokoko präsentiert und vermitteln einen Eindruck, wie auch die Reliquien Fridolins einst den Gläubigen gezeigt worden waren, bis diese Gebeine im Zuge einer Sanierung in den 1940-er Jahren in eine Kassette umgebettet wurden.

Das Fridolinsfest
Am Sonntag, 8. März, beginnt um 9 Uhr im Münster das Pontifikalamt, zu dem der emeritierte Erzabt der Erzabtei St. Peter in Salzburg, Korbinian Birnbacher vom Orden des heiligen Benedikt, als Festprediger eingeladen ist. Anschliessend wird der Schrein des heiligen Fridolin in einer feierlichen Prozession durch die Gassen der Altstadt getragen. Zahlreiche Menschen aus dem Fricktal besuchen das Fridolinsfest, und traditionell kommt auch eine Delegation aus dem Kanton Glarus, denn Bad Säckingen ist seit 1988 mit der Gemeinde Näfels (heute aufgegangen in der Gesamtgemeinde Glarus Nord) partnerschaftlich verbunden.


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