Was wäre, wenn der Hofnarr zurückkehrte?
Oder wie schonungslose Offenheit, mit Witz serviert, den Nebel des Selbstbetrugs lichtet.
Bis ins 18. Jahrhundert war der Hofnarr eine institutionalisierte Figur an nahezu jedem grösseren europäischen ...
Was wäre, wenn der Hofnarr zurückkehrte?
Oder wie schonungslose Offenheit, mit Witz serviert, den Nebel des Selbstbetrugs lichtet.
Bis ins 18. Jahrhundert war der Hofnarr eine institutionalisierte Figur an nahezu jedem grösseren europäischen Hof. Im Zuge gesellschaf tlicher Umbrüche verschwand diese von der Bildfläche. Doch angesichts manch grotesk anmutender Szenen an unseren «modernen Höfen» oder des heutigen Alltags, stellt sich die Frage: War es wirklich klug, den Hofnarren zu verbannen. Er war nicht nur ein Spassmacher. Seine eigentliche Aufgabe – ermöglicht durch seine Redefreiheit – bestand darin, hinter der Narrenkappe verborgen zu beraten, zu provozieren und zur Reflexion anzuregen.
Er hielt dem König und dem Hof den Spiegel vor und machte so Selbsttäuschungen sichtbar – jenseits aller geschönten Selbstporträts.
Was wäre, wenn wir selbst in der Lage wären, situativ die Narrenkappe aufzusetzen – als Reflektor, Unterbrecher und Impulsgeber? Narrentum kann befreien. Es erlaubt, im Einklang mit den eigenen Überzeugungen zu handeln und selbst heikle Botschaften mit einem Augenzwinkern zu senden. Wir sind dann einfach wir selbst und halten anderen – und vor allem uns selbst – den Spiegel vor.
Zwei persönliche Reflexionsfragen:
• Wie oft schaue ich in den Spiegel und erkenne mein wirkliches Ich?
• Bin ich fähig, die Rolle des Narren einzunehmen und mit klarem Verstand und Witz mir selbst und anderen den Spiegel vorzuhalten?
Hofnarren-Slot – die Einladung für ein persönliches Experiment:
Bitten Sie eine Person Ihres Vertrauens, alles, was ihr auffällt, schonungslos ehrlich, mit einem Schuss Humor, zurückzumelden. Oder schreiben Sie am Abend kurz auf: «Was hätte ein Hofnarr mir heute gesagt?». Erleben Sie, wie befreiend und kraftvoll bewusste Redefreiheit und ein Hauch Narrentum sein können.
Wir sind gespannt auf Ihre Erfahrungen. Ihre Meinung interessiert uns: redaktion@nfz.ch
Die «Denkreise» will aufrütteln – leise, aber nachhaltig. Jede Etappe bietet eine Möglichkeit, die eigene Erfahrungswelt kritisch zu hinterfragen. Denken jenseits der Norm kratzt an Gewissheiten. Es weitet den Blick für das, was denkbar ist.
Machen Sie mit. Denken Sie mit. Und vielleicht auch: Denken Sie um!