Was wäre, wenn unsere Individualität normierter ist, als wir glauben? Oder warum wir Vielfalt feiern und Gleichförmigkeit leben.
Wir essen, hören und sehen das Gleiche. Ob in Berlin, Madrid oder Basel: McDonald’s und Starbucks sehen gleich aus, riechen gleich, schmecken gleich. ...
Was wäre, wenn unsere Individualität normierter ist, als wir glauben? Oder warum wir Vielfalt feiern und Gleichförmigkeit leben.
Wir essen, hören und sehen das Gleiche. Ob in Berlin, Madrid oder Basel: McDonald’s und Starbucks sehen gleich aus, riechen gleich, schmecken gleich. Musikplattformen wie Spotify analysieren unser Hörverhalten und offerieren uns Songs, die Menschen mit ähnlichem Profil bereits mögen. Serien von Netflix werden zeitgleich weltweit konsumiert – mit identischen Helden, Konflikten und Moralangeboten. Was entsteht, ist keine diverse Gesellschaft, sondern eine kulturelle Echokammer. Eine stille, bequeme Angleichung des Geschmacks – und damit auch des Denkens. Gedankensynchronisation: effizient, aber gefährlich, weil sie Abweichung verdächtig und Widerspruch anstrengend macht.
Was wäre, wenn nicht der Widerspruch, sondern der Mainstream das neue Tabu wäre? Sich vornehmen, zu polarisierenden Themen erst nach 24 Stunden Stellung zu beziehen. Der algorithmischen Vorauswahl entkommen, indem man bewusst Bücher liest, die der eigenen Überzeugung widersprechen. Räume schaffen, in denen nicht alles gleichzeitig geschieht: Offline-Zeiten, ungeplante Stille. Und vor allem: Dissens kultivieren – nicht aus Streitlust, sondern als ernst gemeinte Einladung zum Andersdenken.
Zwei persönliche Reflexionsfragen:
• Ernähren Sie sich geistig ausgewogen, oder folgen Sie dem Geschmack der Mehrheit?
• Fürchten Sie den Widerspruch oder haben Sie ihn nur verlernt?
«Ego auf Diät» – die Einladung zu einem persönlichen Experiment:
Folgen Sie eine Woche lang täglich bewusst einer Empfehlung, die nicht zu Ihnen passt: ein fremdes Genre, eine unbequeme Meinung, eine ungewohnte Perspektive. Nicht bewerten, nur aushalten. Vielleicht beginnt Vielfalt genau dort, wo Bequemlichkeit endet.
Wir sind gespannt auf Ihre Erfahrungen. Ihre Meinung interessiert uns: redaktion@nfz.ch
Die «Denkreise» will aufrütteln – leise, aber nachhaltig. Jede Etappe bietet eine Möglichkeit, die eigene Erfahrungswelt kritisch zu hinterfragen. Denken jenseits der Norm kratzt an Gewissheiten. Es weitet den Blick für das, was denkbar ist. Machen Sie mit. Denken Sie mit. Und vielleicht auch: Denken Sie um!
Hans A. Wüthrich wohnt in Rheinfelden. Er ist emeritierter Universitätsprofessor, Fachbuchautor und engagiert u. a. in der Stiftung MBF und Spitex Fricktal AG.