Den Schlüssel zu den Menschen gefunden

  22.08.2026 Gipf-Oberfrick

Die Kirche war voll besetzt, als Martin Linzmeier am Sonntag im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes verabschiedet wurde. Die Leitung von Gemeinde und Pastoralraum ging ebenfalls am Sonntag an Ulrich Feger über.

Als Martin Linzmeier im Jahr 2002 zu seiner Vorstellungspredigt aufbrechen wollte, suchte er verzweifelt nach dem Autoschlüssel. Die Sorge, gleich beim ersten Auftritt zu spät zu kommen, wurde immer grösser. Der Schlüssel fand sich – und Linzmeier kam rechtzeitig an. Der verlegte Autoschlüssel stand am Anfang von 24 Jahren Seelsorge in Gipf-Oberfrick. An diese Episode erinnerte sich Martin Linzmeier bei seiner Verabschiedung am vergangenen Sonntag in der voll besetzten katholischen Kirche von Gipf-Oberfrick. Dabei stand der Autoschlüssel für das, was ihm während seiner langen Tätigkeit als Gemeindeleiter wichtig geworden ist: den Schlüssel zu finden, der Räume öffnet, Herzen erreicht und Zugänge zu Menschen schafft.

Seit 2002 war Martin Linzmeier Gemeindeleiter der Pfarrei St. Wendelin Gipf-Oberfrick, seit 2018 trug er zudem Verantwortung in der gemeinsamen Leitung von Frick und Gipf-Oberfrick. Der Gottesdienst am 16. August stand deshalb ganz im Zeichen des Dankes und Abschieds, zugleich aber auch des Neubeginns.

Offene Türen und offene Herzen
Schon zu Beginn zeigte sich Linzmeier berührt von den vielen bekannten Gesichtern und Weggefährten aus 24 Jahren. Er wolle Danke sagen, betonte er: den Menschen, die mit ihm unterwegs gewesen seien und die Pfarreien mitgestaltet hätten, aber auch Gott für Kraft, Energie und Mut und dafür, dass sich immer wieder neue Türen geöffnet hätten. Diesen Gedanken nahm er in seiner Predigt wieder auf. Worte, Gesten und Musik könnten Schlüssel sein, die Menschen öffnen. Mit zunehmendem Alter sei ihm aber immer deutlicher geworden, dass letztlich nicht er selbst Türen und Herzen öffne. Es sei Gottes Geistkraft, die wirke. Er könne lediglich Raum dafür schaffen. In Gipf-Oberfrick, Frick und Oeschgen habe er viele offene Türen und Menschen gefunden, die sich mit Herzblut engagierten und Verantwortung übernahmen. Ihnen galt sein besonderer Dank.

Ausgehend von den biblischen Texten beschrieb Linzmeier, was Seelsorge für ihn während dieser Jahre bedeutete: Menschen entgegen dem gesellschaftlichen Leistungsdruck zuzusagen, dass sie gewollt und geliebt sind; Trauernde beim Abschied und auf dem Weg zurück ins Leben zu begleiten; Jugendlichen beizustehen, die sich dem Leistungsdruck nicht gewachsen fühlen; und Orte zu schaffen, an denen Menschen angenommen werden. Die Pfarreien sollten nach seinem Verständnis auch «Sammelplätze für die Verwundeten unserer Zeit» sein – Orte der Begegnung gegen Einsamkeit und Orte des Angenommenseins, gerade auch für Fremde und Flüchtlinge. Mit Stolz blickte er darauf zurück, zur Entstehung des kirchlich-regionalen Sozialdienstes im Fricktal beigetragen zu haben.

Kirche verstand Linzmeier dabei als einen Ort für gemeinsame Trauer und Freude, für Suchende, für Menschen, die einkehren, bleiben oder wieder weitergehen, und für Gespräche über die Fragen der Zeit und nach dem Sinn des Lebens. Sein Wunsch zum Abschied war klar: «Dieses Werk soll weitergehen.» Eine besondere Rolle spielte bei der Verabschiedung die Musik. Der Kirchenchor Gipf-Oberfrick, der Jugendchor Gipf-Oberfrick und die Friday Night Singers gestalteten den Gottesdienst und verliehen ihm einen festlichen und persönlichen Rahmen. Für Martin Linzmeier wurde eigens ein Lied auf die Melodie von «I Will Follow Him» umgeschrieben. Darin wurde an Linzmeiers Anliegen erinnert, Kirche als offenes Haus zu verstehen, Trauernde zu trösten und für Menschen da zu sein. Gleichzeitig wurde aufgegriffen, was er anderen immer wieder zugetraut hatte: selbst Verantwortung zu übernehmen, sich etwas zuzutrauen und einander zu vertrauen.

Abschied und Neubeginn
Noch im Gottesdienst übergab Martin Linzmeier seine Aufgabe an Ulrich Feger. Dieser hat vom Bistum die Missio erhalten, die Gemeindeleitung für Frick, Gipf-Oberfrick und Oeschgen sowie die Pastoralraumleitung zu übernehmen. Die entsprechenden Wahlen finden Ende November statt. Gleichzeitig wurde Julia Weiss als neue Pfarreimitarbeiterin in das Seelsorgeteam aufgenommen und gesegnet. Gemeinsam mit Christina Kessler wird sie künftig zu den Ansprechpersonen in der Pfarrei Gipf-Oberfrick gehören.

Ein schönes Zeichen für das Weitergeben von Verantwortung und Glauben setzte anschliessend der Jugendchor: Wunderkerzen wurden in den Kirchenbänken von Mensch zu Mensch weitergereicht und entzündet – das Licht sollte nicht bei einem Einzelnen bleiben.

Nach der Eucharistie folgten weitere persönliche Dankesworte. Ulrich Feger verglich Linzmeier mit dem Altar der Kirche – «unverrückbar und verlässlich». Als Beispiel erzählte Feger von einem Patentag mit Firmanden in Engelberg, den Linzmeier kurzfristig übernahm, als Feger krankheitsbedingt ausfiel. Eine halbe Stunde vor der Abfahrt habe ein Anruf genügt. Als bleibende Erinnerung erhielt Martin Linzmeier schliesslich ein Freundebuch, in das sich zahlreiche Menschen aus den Pfarreien mit persönlichen Worten und Erinnerungen eingetragen hatten. Sichtlich bewegt dankte er dafür – und für all jene Menschen, die selbst zu wichtigen Erinnerungen seiner 24 Jahre geworden sind. Beim anschliessenden Apéro vor der Kirche blieb schliesslich Zeit für weitere persönliche Begegnungen und Dankesworte.

(mgt)


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