«Das Schlimmste, was man tun kann, ist das Fernbleiben zu akzeptieren»
14.11.2024 Frick«Schulabsentismus ist ein komplexes Phänomen, die Gründe sind vielfältig und nur selten gibt es schnelle und einfache Lösungen», erklärt Flurina Deragisch und warnt im Gespräch mit der NFZ eindringlich davor, das Problem zu ...
«Schulabsentismus ist ein komplexes Phänomen, die Gründe sind vielfältig und nur selten gibt es schnelle und einfache Lösungen», erklärt Flurina Deragisch und warnt im Gespräch mit der NFZ eindringlich davor, das Problem zu unterschätzen.
Simone Rufli
Flurina Deragisch ist Fachpsychologin für Kinder und Jugendliche und stellvertretende Regionalstellenleiterin des Schulpsychologischen Dienstes (SPD) der Regionalstelle Rheinfelden. Die NFZ traf sie an ihrem Arbeitsort in der Aussenstelle in Frick, vis-à-vis vom Bahnhof. «Subjektiv haben wir das Gefühl, dass die Fälle von Schulabsentismus zunehmen. Die letzte Erhebung zum Schulabsentismus in der Schweiz stammt allerdings von Margrit Stamm und datiert aus dem Jahr 2007», erzählt sie. In Fachkreisen gehe man aber übereinstimmend davon aus, dass die Fälle stark zunehmen. «Zwischen 5 und 10% der Kinder und Jugendlichen dürften davon betroffen sein.» Das zeige sich auch bei der täglichen Arbeit auf der Beratungsstelle in Frick. Schulabsentismus sei keine Krankheit, sondern ein Symptom.
Unter Schulabsentismus verstehen die Fachleute Schulphobie, Schulangst, übermässiges Schwänzen, sowie das Fernhalten des Kindes von der Schule; wobei sich Eltern hier sogar strafbar machen, denn in der Schweiz besteht eine allgemeine Schulpflicht. All diesen Formen gemein sei eine dauerhafte oder wiederkehrende Schulabwesenheit; ein Fernbleiben vom Unterricht aus einem gesetzlich nicht vorgesehenen Grund, und unabhängig davon, ob die Eltern davon Kenntnis haben.
Zu den typischen Verhaltensweisen, die auf einen beginnenden Schulabsentismus hinweisen können, zählen Bedrücktheit, Motivationsverlust, Stören im oder Nichtbeteiligung am Unterricht, nicht teilnehmen an ausserschulischen Aktivitäten (Lager, Ausf lüge), Rückzug, oft verbunden mit einem Leistungsabfall.
Ein funktionierendes Netzwerk
In Beratungsgesprächen kämen häufig Ängste und somatische Beschwerden zur Sprache, weshalb auch Kinderärzte in der Abklärung eine wichtige Rolle spielen würden. «Krankheiten müssen ausgeschlossen werden können. Schule, Eltern, weitere Personen, die eine enge Beziehung zum Kind haben, werden wertungsfrei einbezogen.» Genügt das nicht, könne der Kreis um weitere Fachstellen erweitert werden. «Im Bezirk Laufenburg können Betroffene auf ein gut funktionierendes Netzwerk zurückgreifen.» Gemeint sind Schulsozialarbeit (SSA), Schulpsychologischer Dienst (SPD), Kinder- und Jugenddienst (KJD), Jugend-und Familienberatung (JFB), Familiengericht.
Keine Zeit verlieren
Wichtig sei es, schnell zu handeln. «Jeder Tag zählt! Unsere Erfahrung zeigt: je länger der Zustand anhält, das Kind der Schule fernbleibt, desto unwahrscheinlicher ist es, dass eine erfolgreiche Rückführung in den Schulalltag gelingt.» Die Folge: soziale Isolation, schlechte Chancen auf einen Ausbildungsplatz bis hin zu Depressionen und Selbstverletzungen. Genauso wichtig sei es, die Verantwortlichkeiten klar zu regeln, Ziele zu formulieren und deren Erreichen an bestimmte Fristen zu knüpfen. Mit einem Wort: «Es braucht klare Strukturen.»
Flurina Deragisch betont: «Eltern haben die Aufgabe, dem Kind zu signalisieren, du gehst! Aufgrund der Schulpf licht liegt die Fallführung aber immer bei der Schule. Sie muss Frühwarnsignale erkennen, das Umfeld einbeziehen, die Situation in der Familie, die soziale Stellung innerhalb der Gruppe von Gleichaltrigen, der Peers und im Klassenverband abklären und wenn nötig Fachpersonen beiziehen. Das ist anspruchsvoll und kann nur gelingen, wenn die Schule über ein Absenzenmonitoring mit konsequenter Reaktion bei gehäuften Fehlzeiten verfügt.» Wird Abwesenheit mit den neuen, klassendurchmischten Lernformen weniger schnell entdeckt als im Frontalunterricht? «Das glaube ich nicht. Entscheidend ist eine gute Beziehung zu einer der Bezugspersonen. Das muss nicht eine Klassenlehrperson sein.»
Zusammenarbeit ist wichtig
«Viele Fälle können aufgefangen werden, weil engagierte Eltern und Lehrpersonen zusammenarbeiten.» Manchmal gelinge es mit Unterstützung von Mitschülern, das Kind aus dem Teufelskreis zu befreien. Manchmal sei eine Versetzung in einen anderen Kindergarten oder ein anderes Schulhaus der beste Weg aus der Krise. «Erste Anzeichen für Verhaltensauffälligkeiten können schon im Kindergarten sichtbar werden.» Manchmal gelinge es aber allen Bemühungen zum Trotz nicht, das Kind in den Schulprozess zurückzuführen. «Ist die Sorge um das Kind gross und kooperieren die Eltern, werden weitere Abklärungen und Massnahmen geprüft, zum Beispiel eine ambulante oder stationäre Abklärung oder die Platzierung in einer Sonderschule. Zeigen die Eltern keine Kooperationsbereitschaft, erfolgt ganz zum Schluss des Massnahmenkatalogs eine Gefährdungsmeldung durch die Schule an die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB).
Dazu müsse es nicht kommen, sagt Flurina Deragisch und will Eltern ermutigen, offen mit der Problematik umzugehen und sich helfen zu lassen. «Schulabsentismus ist keine Krankheit, es ist ein Symptom. Es gilt herauszufinden, was dahintersteckt, ganz ohne Schuldzuweisung.» Wie der Fall auch immer gelagert sei: «Vermeiden ist keine Lösung. Das familiäre Umfeld muss die Konfrontation mit dem Kind aushalten. Das Schlimmste, was man als Schule und Eltern tun kann, ist das Fernbleiben zu akzeptieren.»



