Das Sagimülitäli – die unglaubliche Geschichte einer Rettung
19.10.2026 FokusAm 17. Oktober 1996 wurde das letzte Teilstück der Autobahn A3 eröffnet
Eine 25 Jahre lange, kontrovers geführte Diskussion um die Linienführung und eine achtjährige Bauzeit gingen der Eröffnung voraus. Die Fricktaler Bevölkerung und Politiker stritten ...
Am 17. Oktober 1996 wurde das letzte Teilstück der Autobahn A3 eröffnet
Eine 25 Jahre lange, kontrovers geführte Diskussion um die Linienführung und eine achtjährige Bauzeit gingen der Eröffnung voraus. Die Fricktaler Bevölkerung und Politiker stritten leidenschaftlich. Zwischenzeitlich wurde gar vom «Autobahnkrieg» gesprochen. Mit der finalen Durchstichvariante konnte ein Naturjuwel gerettet werden.
Petra Schumacher
Die Geschichte dieses Autobahnteilstücks ist so unglaublich, das sich eine Erinnerung lohnt: Die Auflage des Bauprojekts für die Gesamtstrecke Birrfeld-Frick erfolgte 1982 in Etappen. Gegen das Bözbergtunnel-Projekt wurden mehr als 200 Einsprachen gestellt. Der Regierungsrat machte weitere Zugeständnisse in Bezug auf Lärmschutz und Schonung der Landschaft, an der Linienführung hielt er jedoch fest.
«Tal ohne Lobby wartet auf Bagger»
Das Thema zog weite Kreise und wurde von Basel bis Zürich diskutiert. Der Tages-Anzeiger betitelte am 1. Dezember 1982 einen Artikel mit: «Tal ohne Lobby wartet auf Bagger» und zeigte im Bericht die leidenschaftliche Diskussion der Bevölkerung mit Pro und Kontra auf. So meldeten sich Fricktaler zu Wort, die sich für die dringende Entlastung vom Durchgangsverkehr stark machten, mit Aussagen wie: «Täler, wie das besagte Sägimülitäli hat es im Aargau noch genug.» Dem gegenüber standen Menschen, die sich genau für dieses Tal stark machten.
Sabine Wunderlin, in Stein aufgewachsen, gehörte zu den entschiedenen Gegnerinnen des Projekts. Die damalige Fotografenschülerin und spätere Pressefotografin reiste im Kasten-Volvo des Vaters ins Sagimülitäli. «Ich übernachtete im Auto, um dann den ganzen Tag zu fotografieren. Die Vorstellung, dass all das, was das besondere Tal ausmacht, unwiderruflich verschwinden würde, berührte mich sehr. Damals habe ich auch ein Plakat für die Schulen gestaltet, auf dem ich Lehrer aufrief, mit den Schülern ins Sagimülitäli zu reisen, damit den Kindern das Tal, das es bald nicht mehr geben würde, noch einmal gezeigt wird.»
«Wiedersehen auf der A3»
«Die Würfel schienen gefallen, erste Bauprofile kündigten den harten Einschnitt ins Tal an und für mich war klar, dass wir eigentlich einen aussichtslosen Kampf führen», so Wunderlin, die zu diesem Zeitpunkt bereits Landschaften und Gegenden fotografierte, die durch Bauaktivitäten stark verändert werden würden, um genau diese Änderungen mit späteren Aufnahmen zu dokumentierte So fotografiert sie 1983 auf einem Feldweg fünf Kinder, genau an der Stelle, an der heute die A3 im Bözberg verschwindet und traf sie dreizehn Jahre später, kurz vor Eröffnung der Autobahn, genau dort wieder. Was Sabine Wunderlin zu diesem Zeitpunkt nicht wusste: Zu den Fotografierten gehörten Colette Basler, heute Grossrätin und Patricia Basler, die als Patti Basler bekannt wurde. Der SonntagsBlick griff die Geschichte 1996 unter dem Titel «Wiedersehen auf der A3» in einem sechsseitigen Bericht auf, in dem Colette Basler wie folgt zitiert wird: «Mir wird fast schlecht, wenn ich die Autobahn sehe. Ich werde sie selten benutzen. Und den hässlichen Tunnelabluft-Kamin im Wald haben sie uns auch noch hingestellt. 20 Minuten schneller in Zürich? Zürich mir doch so lang wie breit, ich bleibe lieber im Fricktal»
Die beste aller Varianten führte zur Rettung
Die Linienführung war 1983 rechtskräftig beschlossen und bestätigt. «Dass neue planerische und ökologische Erkenntnisse den Regierungsrat zu einer nochmaligen Beurteilung veranlassten, war massgeblich dem damaligen Baudirektor Ulrich Siegrist zu verdanken», erklärt Alt-Nationalrat Peter Bircher. «Auf Siegrists Initiative hin machte der damalige Bundesrat Leon Schlumpf einen Augenschein vor Ort.» Die Neubeurteilung führte zur wichtigen Korrektur: Der Bözbergtunnel wurde um 600 Meter verlängert und seine Achse verschoben, wodurch das Sagimülitäli verschont blieb. So konnte im Fricktal die Geschichte einer unglaublichen Rettung geschrieben werden.
Das Sagimülitäli
Wir müssen uns vor Augen führen: der Linner Wasserfall, der Steinbruch und Teile vom Föhrenwald mit seinen Orchideen wären dem Bau der Autobahn zum Opfer gefallen. Der Anblick vom Dorf Linn mit seiner Linde wäre nicht der gewesen, den wir heute kennen und der Lebensraum von vielen Tieren, wie dem «Glögglifrosch» und den Mauereidechsen wäre unausweichlich verschwunden. (ps)










