Das Leben findet lokal statt

  21.05.2026 Fricktal

Warum es nicht so schlau wäre, regionale Medien verschwinden zu lassen

Gastbeitrag von Ludwig Hasler*,
Philosoph, Physiker und Publizist

Nicht nur Marc Walder, Chef bei Ringier, kündet das baldige Ende der Regionalmedien. Gut möglich, dass das so kommt. Komisch nur: Wie teilnahmslos wir dieses Requiem hinnehmen. Als gäbe es eine meteorologische Tendenz zu beobachten. Als liefe da ein Naturereignis ab, nach physikalisch unverrückbaren Gesetzen – mit uns als gelangweilten Zaungästen. Geht uns regionale Information nichts an? Ist sie uns egal? Haben wir eh nichts zu melden?

Doch. Abo lösen – und das regionale Medium überlebt. Sollten wir denn?

Zunächst. Auch wenn das Newsgewerbe so tut, als gäbe es nichts Wichtigeres als täglich seitenweise Donald Trump und Silicon Valley und Buckelwal Timmy: Das Leben findet lokal statt. Hier kommen Kinder zur Welt, hier gehen wir zum Fussballmatch, hier liegen wir im Spital; hier weiss man, was es bedeutet, wenn die Schule versagt, wenn Restaurants, Läden dichtmachen. Hier kennt man die Leute, die die Läden betreiben, man kennt die Eltern, die Kinder mit Problemen haben. Hier fällt man nicht herein auf die schwachsinnige Zweiteilung: Wirtschaft hier, Menschen dort. Hier sind alle Wirtschaft. Hier weiss man, wie es in Pflegeheimen riecht. Stets ein bisschen nach Tod. Ich weiss, wovon ich spreche, ich wuchs auf dem Land auf. Damals lief das Leben wie geölt. Alle in ihrer Rolle, die Frau am Herd, der Knecht im Stall, der Pfarrer auf der Kanzel, die Alteingesessenen an der Macht. Reines Mittelalter. Am Abend steckten die Dorfbonzen die Köpfe zusammen, sprachen sich ab. Vorbei. Auch Dörfer sind aufgemischt, die Einwohner bunter, frecher, gebildeter. Immer mehr Zugezogene mit immer weniger Sinn für Besitzstandswahrung der Eingeborenen. Sie spülen Geld in die Kasse, schaffen Arbeitsplätze, sie stänkern auch, fordern ungeniert bessere Infrastrukturen, super Schulen, Kitas. Auch hier hängen alle am Handy, sitzen vor dem TV, bestellen online. Private Grillabende werden wichtiger als Vereinsanlässe. Die Beizen bleiben leer, die Leute verkriechen sich in ihr familiäres Privatleben.

Wer holt sie da heraus? Das Lokalmedium. Ohne kommunikative Bewegung keine bewegte Kommune. Studien zeigen: In Gemeinden mit vifen Lokalmedien sind die Leute zufriedener, die Finanzen besser im Griff, die Teilnahme an der Urne reger. Na also.

Es ist wie mit regionalen Früchten: Im Lokaljournalismus weiss man, was man hat. Medienethik regelt sich von selbst; flunkert ein Journalist oder verleumdet er, fliegt er rasch auf. Weil hier die Wahrheit gleich um die Ecke kommt. Weil hier Journalismus hors-sol nicht funktioniert. Weil hier Klarheit herrscht zwischen Problemen, die man hat, und Problemen, die man sucht. Hier ist die Nachricht ganz altmodisch das, wonach wir uns richten können sollen.

Information als kommunales Lebensmittel. Wie jede Region ein funktionierendes Kanalsystem der Wasserversorgung braucht, so braucht sie das kommunikative Netz der Benachrichtigung – nicht bloss, damit die Einwohner «auf dem Laufenden» sind, sondern damit sie mehr sein können als Einwohner: Bürger, Akteure, Teilhaber. Damit sie teilnehmen können, sozial, politisch, wirtschaftlich, kulturell. Lokal bedeutet «informiert sein» stets mehr als «im Bild sein».

Im Bild sind wir global: als Zuschauer und Meckerer. Der permanente Ansturm globaler News macht uns mehr konfus als mündig, fahrig statt informiert. Dauernd scheucht er uns auf, scheint uns aufzufordern zu Flucht oder Aktion – doch was könnten wir tun, wenn Buckelwale leiden, Präsidenten narzisstisch durchdrehen, Passagiere auf Kreuzfahrt sterben? Wir können darüber reden, uns erregen, mehr nicht. Immer öfter im Gefühl der Ohnmacht, des Überdrusses. Regional «informiert sein» bedeutet: in Form kommen – in die Form mündiger Akteure, die ihre gemeinsamen A ngelegenheiten selber an die Hand nehmen. Diese Mündigkeit setzt voraus: dass ich weiss, wie die Dinge laufen, und dass ich erkenne, wie ich mitwirken kann. Beides lebt vom Fluss regionaler Kommunikation. Kurz und respektabel: Regionale Medien sind Sauerstoff einer angeregten Gemeinschaft.

Oder ist das blosse Theorie? Ode ans ideale Medium statt Requiem aufs reale? Falls die Realität enttäuscht: Lokalredaktionen haben – anders als Trump und Buckelwal – einen Briefkasten.


Philosoph und Publizist

Dr. Ludwig Hasler*, studierte Physik und Philosophie, führt seither ein journalistisch-akademisches Doppelleben. Als Philosoph lehrte er an den Universitäten Bern und Zürich. Als Journalist war er Mitglied der Chefredaktion beim «St.Galler Tagblatt», danach bei der Zürcher «Weltwoche». Seit 2001 freier Publizist, Vortragstourist, Hochschuldozent, Kolumnist. 2019 erscheint sein philosophischer Bestseller «Für ein Alter, das noch was vorhat. Plädoyer fürs Mitwirken an der Zukunft». 2022 das Buch «Jung & Alt», Briefwechsel mit einer exakt 50 Jahre jüngeren Frau (beide im Verlag Rüffer & Rub). Er lebt in Zollikon am Zürichsee.

www.ludwighasler.ch


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