Damit die Vergangenheit nicht vergessen geht
04.03.2026 PersönlichDie ehemalige Kantonstierärztin Erika Wunderlin betreibt Ahnenforschung: Die Geschichte ihrer Vorfahren liegt Erika Wunderlin am Herzen. So widmet sich die ehemalige Aargauer Kantonstierärztin seit ihrer Pension im Jahr 2018 der Familien- und Lokalgeschichte. Vor kurzem ist ihr ...
Die ehemalige Kantonstierärztin Erika Wunderlin betreibt Ahnenforschung: Die Geschichte ihrer Vorfahren liegt Erika Wunderlin am Herzen. So widmet sich die ehemalige Aargauer Kantonstierärztin seit ihrer Pension im Jahr 2018 der Familien- und Lokalgeschichte. Vor kurzem ist ihr Buch «Vo Salz und Chriesibäum» erschienen.
Janine Tschopp
«Es war Freitag, 10. Mai 1940, als Jakobs Karl der Mühlegasse entlangeilte und den Leuten zurief: ‹Legt dem Vieh die Halftern an›. Alle wussten: es galt ernst. Jeden Moment konnte der Befehl zum Aufladen und Abmarschieren kommen. Ein von Pferden und Kühen gezogener Treck aus Leiterwagen hätte zusammen mit den schwer beladenen Fussgängern wohl nicht mehr als zehn Kilometer pro Tag geschafft, bei guten Bedingungen. Grossvater Wilhelm versteckte an jenem 10. Mai 1940 den Speck in der Asche des Backofens und hoffte, dass die Deutschen ihn dort nicht finden würden. Viele weitere Fragen zu diesem Tag bleiben offen. Der Befehl zum Losmarschieren kam nicht – weder am 10. Mai noch später. In diesen Tagen kamen die Holländer und Belgier unter die Räder der Deutschen.»
Dieser Abschnitt aus Erika Wunderlins Buch «Vo Salz und Chriesibäum» beschreibt Zeiten, in welchen ihre Vorfahren unter Hochspannung lebten. In Zeiningen und in allen Dörfern im Tal bereitete man sich auf den Einmarsch und die Flucht vor den Deutschen vor.
Die Geschichte der Menschen liess sie nie los
«Ich war immer eine gute Geschichtsschülerin», erzählt Erika Wunderlin. Bis heute hat sie das Thema nicht losgelassen. So befasst sie sich seit ihrer Pension im Jahr 2018 intensiv mit Ahnenforschung. Es interessiert sie, wie die Menschen im Fricktal früher lebten. Von ihr recherchierte und verfasste Beiträge sind bereits im «Zeiniger Schäsli», der Chronik ihres Heimatdorfs, sowie in der Jahresschrift der FBVH (Fricktalisch-Badische Vereinigung für Heimatkunde) «Vom Jura zum Schwarzwald» erschienen.
Medizin oder Geschichte?
Nachdem Erika Wunderlin in Zeiningen die Primarschule, in Möhlin die Bezirksschule und in Basel das Gymnasium besuchte, studierte sie zwei Semester Deutsch und Publizistik in Berlin. «Bald wurde klar, dass ich auf ein naturwissenschaftliches Fach umsatteln will», beschreibt sie. Warum kam das Geschichtsstudium nicht in Frage? «Mit Deutsch und Geschichte konnte ich mich auch weiterhin beschäftigen. Autodidaktisch.» An der Veterinärmedizin gefiel ihr das Umfassende: «Vom Vogel bis zur Kuh», beschreibt sie. Zudem habe sie «die Liebe zum Land» dazu bewogen, Veterinärmedizin zu studieren. «Bis 1970 führte mein Grossvater hier in Zeiningen einen kleinen Bauernbetrieb», erzählt Wunderlin.
Sie studierte während fünf Jahren Veterinärmedizin an der Universität Zürich und liess sich anschliessend in Pathologie weiterbilden. Später wirkte sie während zwei Jahren bei einem Forschungsprojekt in Australien mit. Zurück in der Schweiz war sie teils in der Forschung (Parasitologie) in Zürich und teils als Assistentin eines Landtierarztes im Toggenburg tätig. Mit einem grossen Rucksack an Ausund Weiterbildung, erarbeitetem Wissen und Fähigkeiten trat Erika Wunderlin am 1. November 1998 das Amt der Aargauer Kantonstierärztin an, das sie bis zu ihrer Pensionierung 2018 innehatte.
Annäherung an drei Jahrhunderte Familiengeschichte
Seither widmet sich die in Küttigen und Udligenswil wohnhafte Zeiningerin intensiv ihrem grossen Hobby, der Geschichte. Einerseits ist sie seit zwei Jahren Präsidentin der Schweizerischen Vereinigung für Geschichte der Veterinärmedizin (SVGVM). Andererseits beschäftigt sie sich intensiv mit ihren Ahnen und hat in den letzten sechs Jahren an ihrem Buch «Vo Salz und Chriesibäum» gearbeitet. Darin nähert sie sich drei Jahrhunderten Familiengeschichte an, von 1680 bis 1980. In ihrem Elternhaus in Zeiningen, das seit 1835 durch ihre Vorfahren väterlicherseits bewohnt wurde, hat sie viele Informationen in Form alter Postkarten gefunden. «Es war mir ein grosses Anliegen, die alten Dokumente zu kommentieren und in eine Abfolge zu stellen.» Mütterlicherseits sind Erika Wunderlins Wurzeln in Wegenstetten.
Erinnerungen ihrer Eltern und älterer Dorfbewohner haben ihr dabei geholfen, immer mehr über das Leben der letzten Generationen zu erfahren. Zudem verbrachte sie viele Stunden in Archiven (Gemeinde- und Pfarrarchiv Zeiningen, Zivilstandsamt Rheinfelden und Staatsarchiv Aarau), um wichtige Lebensdaten ihrer Ahnen herauszufinden.
«Wegen der Zugehörigkeit zum Reich der Habsburger widerspiegelt sich in der Geschichte unserer Urahnen auch die Weltgeschichte», schreibt Erika Wunderlin in ihrem Vorwort. Als Untertanen der Habsburger konnten die Menschen die grossen Entwicklungen der Weltgeschichte zwar nicht beeinf lussen, waren aber stets Teil davon. Bei ihren Forschungsarbeiten geht es Erika Wunderlin immer darum, die Lebensläufe ihrer Ahnen in Kontext mit den lokalen, respektive weltpolitischen geschichtlichen Ereignissen zu setzen.
Mit ihrem Buch lädt sie die Leserinnen und Leser ein, den Spuren der letzten Generationen zu folgen und in deren schlichten Lebensweise ein Stück Geschichte zu erleben. Ein Stück Geschichte, das dank Erika Wunderlins Recherchen und Aufzeichnungen für immer bleiben wird.
Erika Wunderlins Werk «Vo Salz und Chriesibäum» (ISBN-Nr. 978-3-907424-38-4) ist im Verlag swiboo.ch erschienen und kann online bestellt werden.

