Brückensensationen wandern in die Stadt
18.08.2026 RheinfeldenDas zweijährliche Strassenfestival beider Rheinfelden verlagerte sich am Wochenende bis in den Salmeggpark auf badischer und bis in den Stadtpark-Ost auf Schweizer Seite. Am Konzept des kostenlosen Eintritts wird festgehalten – viele Künstler sind aber auf Spenden angewiesen.
Boris ...
Das zweijährliche Strassenfestival beider Rheinfelden verlagerte sich am Wochenende bis in den Salmeggpark auf badischer und bis in den Stadtpark-Ost auf Schweizer Seite. Am Konzept des kostenlosen Eintritts wird festgehalten – viele Künstler sind aber auf Spenden angewiesen.
Boris Burkhardt
«Der Wind brachte richtige Piratenstimmung», findet Xilian, zusammen mit Flo das Berliner Luftakrobatik-Duo Aerophilia mit der Show «Captain Flo & Pirate Toe». Nach der grossen Hitze am Samstag kam bei den Brückensensationen in beiden Rheinfelden am Sonntagnachmittag tatsächlich ein Wind auf und es fiel etwas Regen. Einige Zuschauer auf der Brücke vor dem Inseli, wo die beiden Piraten im Netz hangelten, suchten bei den ersten Tropfen des ersehnten Regens Schutz; gut die Hälfte blieb aber sitzen. Für Xilian ist das Wetter als Strassenkünstler immer ein Wagnis: «Wir spielen auch Shows drinnen. Aber hier kommen wir zu den Menschen.» Besonders gefällt den beiden als «Piraten» ihr Auftrittsplatz auf dem Rhein: «Wir waren gestern schon drin baden.» Stangenakrobaten aus Berlin, Clowns aus Argentinien, Körpertheater aus dem Berner Seeland, Feuer- und Klangzauber aus Spanien, Alphorndisco aus St. Gallen, Hula-Hoop-Tanz aus Kanada, Strassencomedy aus den USA und eine deutsch-schweizerische Sommer-Guggenmusik, daneben Walking Acts, die auf dem gesamten Bereich bewundert werden können und Angebote für Kinder wie Schminken und Hüpfburg. Die bunte Mischung aus kleinen und grossen Attraktionen aus Nah und Fern ist seit 2007 das Markenzeichen der Brückensensationen, an deren Ausrichtung sich das Schweizer Rheinfelden seit 2012 mit einem eigenen Programm beteiligt.
Seit der Corona-Pause hätten sich die Veranstaltungsorte etwas von der Brücke entfernt, erklärt die Projektleiterin Kultur des Schweizer Stadtbüros Brigitte Brügger: «Der Zähringerplatz und vor allem der Hauptwachplatz wegen der schattenspendenden Bäume werden aber gut angenommen.» Die Platzierung des von Menschen dargestellten «Panorama-Kinos» in den Stadtpark-Ost sei eine Ausnahme wegen des Platzbedarfs gewesen: «Das war schon etwas weit von der Brücke entfernt.»
Die Rheinbrücke selbst blieb dieses Jahr relativ frei von Auftritten.
Laut Dario Rago, Kulturamtsleiter in Badisch-Rheinfelden, war das Absicht, um den Durchlauf der Besucher weniger zu behindern: «Das war dieses Jahr unser Konzept; das kann sich aber wieder ändern. Mittelpunkt des Festivals blieb die Bühne auf dem Inseli, wo etwa die Berliner Akrobaten der Circus & Urban Dance Company mit ihrem anderthalbstündigen Programm «Groove – The Funky Monkeys» am Freitagabend vor zahlreichem Publikum das Festival eröffneten.
Feuerkünstler gefordert
Ins Wasser fiel dieses Jahr wegen Regens kein Freiluftakt; heuer waren es aber die Feuerkünstler, die sich wegen der Waldbrandgefahr anpassen mussten. Laut Rago entfachte das deutsche Ensemble Cirque Artikuss mit seiner Show «Feuer und Flamme» eben die «Flammen im Herzen»; und der deutsche Künstler Christian Ziegler habe seine Abschlussshow «Wilde Flammen» am Sonntagabend auf LED umgestellt. Einzig das Muttenzer Museums- und Künstlerschiff Willi, mit dem auch Hafenrundfahrten angekündigt waren, konnte nicht wie geplant an der Schifflände anlegen – aber nicht etwa wegen Niedrigwassers, sondern weil es seit Juni auf unbestimmte Zeit in Reparatur ist. Für Kulturchefin Brügger sind es die letzten Brückensensationen, die sie vor ihrer Pensionierung organisiert hat. Für Brügger ist es völlig in Ordnung, dass die deutsche Seite den Mammutanteil des Programms organisiert: «Das dortige Kulturamt hat viel grössere Ressourcen.» Ihre Philosophie sei es immer gewesen, «Strassenkunst im besten Sinne», also ohne grosse Technik, zu präsentieren: «Ich blicke auf viele tolle Darbietungen zurück. Die Höhepunkte waren aber immer die herzlichen Begegnungen mit den Artisten und die Reaktionen im Publikum.»
Die mittelfristige Zukunft des Strassenkunstfestivals ist auf beiden Seiten des Rheins finanziell gesichert. «Stadträtin Susanna Schlittler hat bestätigt, dass die Stadt weiterhin dabei sein will», sagt Brügger für die Schweizer Seite. Kollege Rago ergänzt mit Blick auf die politisch Verantwortlichen und den Hauptsponsor: «Ich habe grosse Unterstützung gespürt.» Auch aus dem Publikum habe es positive Rück meldungen gegeben. Es sei wertvoll, dass das Festival weiterhin ohne Eintritt finanziert werden könne: «Solche kostenlosen Angebote für die ganze Familie werden immer rarer: So lohnt es sich auch, nur zum Essen oder auf die Hüpfburg vorbeizukommen.»
Immer öfter ohne Gage
Die Kehrseite dieser Medaille spricht Henry Camus an: Der Trend in der Branche der Strassenkunst führe dazu, dass die Veranstalter immer öfter erwarteten, dass die Künstler ohne Gage aufträten. Der gebürtige US-Amerikaner ist Teil des internationalen Familien-Quartetts «Les Touristes» mit Sitz in Ascona, das mit Akrobatik, Humor und Authentizität das Publikum begeisterte: «Wir bekommen die Spesen wie Fahrt und Unterkunft bezahlt; aber für den eigentlichen Lohn sind wir auf die Spende des Publikums nach jeder Veranstaltung angewiesen.»
In diesem Trend seien die Brückensensationen nur eines von weltweit vielen Festivals: «Als meine Frau und ich hier vor rund zehn Jahren als Duo auftraten, bekamen wir noch eine Gage gezahlt.» In diesem Zusammenhang betont Brigitte Brügger, dass diese Bedingungen nur für die deutsche Seite gelten.
Henrys Tochter Viviana steht mit ihren 22 Jahren erst am Anfang ihrer Karriere als Tänzerin, Musikerin und Strassenkünstlerin und sprüht vor Enthusiasmus: «Wir Künstler können auch nicht einfach sagen: Wir machen keinen Auftritt mehr. Wir lieben das Publikum.» Besonders begeistert ist sie, mit ihrer Familie zusammenzuarbeiten und viele «supertolle Künstler» zu treffen.






