Bianco und das himmelblaue Versprechen
29.10.2026 PersönlichVater und Sohn aus Möhlin spielen für Italien an der Radball-WM
«Irgendwann, irgendwann» – sagte Renato Bianco zu seinem dreijährigen Sohn. Jetzt geht dieser gemeinsame Traum in Erfüllung.
Ronny Wittenwiler
Samstag, 13.30 Uhr, Restaurant Schiff. Die ...
Vater und Sohn aus Möhlin spielen für Italien an der Radball-WM
«Irgendwann, irgendwann» – sagte Renato Bianco zu seinem dreijährigen Sohn. Jetzt geht dieser gemeinsame Traum in Erfüllung.
Ronny Wittenwiler
Samstag, 13.30 Uhr, Restaurant Schiff. Die Nationalmannschaft trifft zum Pressetermin mit der NFZ ein. Sie besteht aus Renato Bianco, seinem Sohn Elia, und alles beginnt vor dreizehn Jahren. Doch jetzt heisst es zuerst einmal: aufgepasst auf Malaysia, aufgepasst auf Armenien.
Einem Irrtum aufgelegen
Am Wochenende findet im deutschen Ludwigsburg die Radball-Weltmeisterschaft statt. In dieser Sportart ist manches eine Schuhnummer kleiner. Und so kommt es, dass die Nominierten einer ganzen Nation schon mal an einem Zweiertisch in einem Restaurant Platz haben, und wir liegen für dieses Gespräch einem Irrtum auf: «Nein, nein», sagt Renato Bianco und lacht. «Nicht für die Schweiz. Wir treten für Italien an.» Dabei wollten er und sein Sohn doch einfach nur etwas: einmal im selben Team spielen beim Veloclub Rheinstern, ihrem Heimatverein in Möhlin.
Dort tritt Renato Bianco, heute 41, als Bub den Radballern bei. Beachtlich die Karriere, spielt er mit seinem damaligen Teampartner zwölf Jahre in der Nationalliga A. Doch irgendwann ist genug. «Danach habe ich rund zehn Jahre kaum mehr Sport betrieben.» Sein Sohn ist da längst in seine Fussstapfen getreten: Juniorenschweizermeister, Vierter an der Junioren-Europameisterschaft. «Radball macht einfach sehr viel Spass», sagt Elia Bianco, heute 16. «Es ist ein Sport, der nicht jeder gleich von Anfang an beherrscht.» Dann die Zäsur: Sein Teampartner hört auf. Auch Elia denkt an Rücktritt. Doch was dann folgt, ist die erste Tranche dieser verrückten Geschichte: In der zweiten Liga wird ein Platz frei. Die Biancos tun sich zusammen. «So haben wir in der abgelaufenen Saison zum allerersten Mal gemeinsam als Team für den VCR Möhlin gespielt», sagt Renato Bianco. Das Vater-Sohn-Gespann schafft auf Anhieb den Aufstieg die 1. Liga, wo es kommende Saison weitergeht. Und irgendwann vor ein paar Wochen: kommt ein Anruf aus Italien.
Da war doch was
Renato Bianco wird als Sohn einer Schweizerin und eines Italieners geboren. Möhlin ist seine Heimat, beim Anruf vor ein paar Wochen aber meldet sich ein Vertreter der «Federazione Ciclistica Italiana». Denn dort, beim Verband des italienischen Radsportverbands, erinnert man sich. Die Italiener, sagt Renato Bianco jetzt, hätten keine grosse Radball-Tradition. Wenn man so will, sind die Azzurri mit Ball eine grosse Nation, mit dem Velo ebenso, aber mit Ball und Velo gleichzeitig, sind sie Exoten. Vor dreizehn Jahren entdecken sie in der Schweiz zwei Spieler, die den Doppelpass auf dem Rad beherrschen und einen solchen auch in der Tasche haben. «So spielte ich 2013 tatsächlich für Italien an der WM in Basel», sagt Renato Bianco. Damals mit Andry Accola vom VCM Liestal.
Der grosse Moment
«Könnt ihr eine Mannschaft stellen?» In etwa so klingt es vor wenigen Wochen erneut am Telefon, als sich die Italiener melden. Und ob sie können! Elia und Renato Bianco, die beiden Möhliner, tragen am Wochenende Italiens Farben an der WM, kämpfen mit Malaysia, Armenien, Hongkong, Grossbritannien und der Slowakei um die Relegation. «Der Aufstieg in die Gruppe A wäre unser Traum», sagt Elia. Mit ihren Fähigkeiten gehören sie zu den Favoriten. Oder, um es mit etwas Lokalkolorit zu formulieren: Wenn zwei Italiener so richtig Radball zaubern – dann sind es die Biancos aus Möhlin.
Der magische Moment
Nach dem Gespräch mit der NFZ schickt Renato Bianco per E-Mail ein Foto aus der Vergangenheit. Radball-WM in Basel, 2013. Im Arm Tochter Lean, gerade mal zwei Wochen alt. Daneben der dreijährige Elia. Es ist der Moment, als der Vater sagt: «Irgendwann, irgendwann, da spielen wir zusammen in einem Team.» Er wollte ihm damit nicht einfach das Blaue vom Himmel versprechen. Doch dass daraus sogar ein himmelblaues Versprechen werden sollte, konnte auch er nicht ahnen.
Zwei Biancos für die Azzurri. Damit wäre die Pressekonferenz am Zweiertisch beendet.
Gestern Mittwoch reisten Elia und Renato Bianco an die WM. Morgen Freitag greifen sie in den Wettkampf ein.


