Simone Rufli
Der deutsche Maler und Bildhauer Georg Baselitz wurde weltberühmt, weil er seine Bilder auf den Kopf gestellt und damit die Kunstwelt irritiert hat. Warum also nicht etwas Ähnliches mit Worten tun? Kolumnen zum Beispiel grundsätzlich von hinten nach vorne verfassen. Die ...
Simone Rufli
Der deutsche Maler und Bildhauer Georg Baselitz wurde weltberühmt, weil er seine Bilder auf den Kopf gestellt und damit die Kunstwelt irritiert hat. Warum also nicht etwas Ähnliches mit Worten tun? Kolumnen zum Beispiel grundsätzlich von hinten nach vorne verfassen. Die Pointe zuerst, die Einleitung zuletzt. So etwas wie ein literarischer Moonwalk.
Oder ausschliesslich über Dinge schreiben, die nicht passiert sind – eine Chronik des Unterlassenen. Zum Beispiel so: «Heute hätte ich beinahe einen Preis gewonnen, eine Auszeichnung für das eleganteste Unterlassen einer Aufgabe.» Ich wäre auf die Bühne gegangen, hätte mich verbeugt und gesagt: «Ich danke Ihnen, dass Sie meine Abwesenheit von Produktivität würdigen.» Tosender Applaus für das Nichts.
Oder näher am Alltag, ein Tagebuch von Anti-Ereignissen: «Heute stand ich nicht im Stau, habe ich den Kaffee nicht verschüttet und die Pflanzen im Büro nicht gegossen.»
Radikaler wäre eine Kolumne, die jedes Mal mit einem falschen Satz beginnt. «Ich habe gestern einen Elch im Coop getroffen» – dabei war ich in der Migros. Der Rest des Textes würde dann darin bestehen, diesen Unsinn elegant zu retten.
Baselitz hat gezeigt, berühmt wird, wer die Welt kurz stolpern lässt – und sie dann fasziniert wieder auffängt.
Ich arbeite noch daran.