Simone Rufli
Es geschah, so vermute ich, am helllichten Tag. Heute vor 54 Jahren, am 16. Januar 1972 – unter den Augen der unbesorgten Öffentlichkeit! – verschwand das Fräulein. Und man weiss bis heute ganz genau, wer dafür verantwortlich ist. Das Fräulein ...
Simone Rufli
Es geschah, so vermute ich, am helllichten Tag. Heute vor 54 Jahren, am 16. Januar 1972 – unter den Augen der unbesorgten Öffentlichkeit! – verschwand das Fräulein. Und man weiss bis heute ganz genau, wer dafür verantwortlich ist. Das Fräulein zum Verschwinden gebracht hat Hans-Dietrich Genscher, zu jener Zeit Innenminister der Bundesrepublik Deutschland.
Genscher hat mit einem Erlass die Anrede «Fräulein» offiziell aus dem Sprachgebrauch der Amtsstuben verbannt – in Deutschland wohlverstanden.
In der Schweiz wollte man nichts überstürzen. Mehrere Kantone, darunter der Aargau, folgten ab 1972 nach und nach. Basel-Stadt erst 1983. In den 1990er-Jahren die letzten.
Kein Wunder, schliesslich war die Abschaffung des Fräuleins mit Komplikationen verbunden.
«Frölein, händ Sie mis Hündli gseh?» zum Beispiel, das Lied nach der Melodie des Colonel Bogey March, 1914 komponiert, weltbekannt unter anderem aus dem Film «Die Brücke am Kwai», lässt sich nicht so einfach umschreiben. Ersetzt man das «Frölein» durch Frau passt es nicht mehr zur Melodie.
Heute ist alles noch viel komplizierter. Da sucht eine Fricktaler Gemeinde «eine:n Mitarbeiter:in» und unmittelbar darunter – dieselbe Gemeinde – «eine/n Mitarbeiter/in».
Ich überlege mir gerade, wie eine sprachliche Anpassung beim Bestseller des schwedischen Autors Peter Høeg daherkommen könnte. Er schrieb im Jahr 1992 ahnungslos «Fräulein Smillas Gespür für Schnee». Das geht auch anders:
«Smilla (w, erwachsen) und ihr Gespür für Schnee»; «Person Smilla mit ausgeprägtem Schneesinn»; «Smilla, Schnee-Expert:in»; «Smilla schneekompetent».