Simone Rufli
1980er Jahre. Biologieunterricht mit Bestimmungsschlüssel. Ein Schulbuch mit Namen Binz, das versprach, Ordnung in die Natur zu bringen – und stattdessen Chaos im Kopf stiftete. Stundenlang hangelten wir uns durch ein Labyrinth aus Fragen: Blüte ...
Simone Rufli
1980er Jahre. Biologieunterricht mit Bestimmungsschlüssel. Ein Schulbuch mit Namen Binz, das versprach, Ordnung in die Natur zu bringen – und stattdessen Chaos im Kopf stiftete. Stundenlang hangelten wir uns durch ein Labyrinth aus Fragen: Blüte radiärsymmetrisch, Blätter ungeteilt, lanzettlich, eiförmig …?
Es war mühsam, aber wir haben viel gelernt! Darum kann ich heute die Grünpflanzen in unserem Büro im Salmenpark auch ohne Blick ins Bestimmungsbuch problemlos einordnen:
Sie mögen unterschiedlich aussehen, aber sie gehören ganz bestimmt ausnahmslos zur Gattung der friedliebenden, photosynthetisch orientierten Lebewesen, sind alle unbeirrbar, genügsam und erstaunlich widerstandsfähig, ernähren sich von Luft, Licht und – äusserst selten – von menschlicher Erinnerung.
Zweifel an dieser Einordnung gibt es keine, denn ihre Bewässerung folgt einem Rhythmus, der auf keinem System, sondern auf spontanen Schuldgefühlen basiert. Obwohl niemand in unserem Büro genau weiss, wer für sie zuständig ist – und wir alle konsequent danach handeln – bleiben die Pflanzen loyal, aufrecht und grün, als hätten sie untereinander einen Überlebensvertrag abgeschlossen.
Ganz selten nur kommt es zu Unruhe im chlorophyllhaltigen Teil unserer Belegschaft, verbunden mit Blätterabwurf und Hängenlassen exponierter Pflanzenteile. In der Regel dann, wenn sich die Beinahe-Verdurstungs-Zwischenfälle häufen, was aber wirklich nur ganz selten vorkommt.