Simone Rufli
Was für ein evolutionäres Pech, denke ich und schliesse das Fenster. Während Rotkehlchen, Blaumeise, Amsel, Drossel und andere gefiederte Zeitgenossen sich mit abwechslungsreichen, schönen Gesängen überbieten, sitzt unsere Taube direkt über ...
Simone Rufli
Was für ein evolutionäres Pech, denke ich und schliesse das Fenster. Während Rotkehlchen, Blaumeise, Amsel, Drossel und andere gefiederte Zeitgenossen sich mit abwechslungsreichen, schönen Gesängen überbieten, sitzt unsere Taube direkt über mir auf unserem Dach und spult ihr ewig gleiches Band ab, dieses monotone, melancholisch-rhythmische Gegurre.
Ich sage bewusst unsere Taube – seit Wochen weicht sie nicht für mehr als zehn Minuten von unserem Hausdach. Sässe sie einfach still da, wäre dagegen nichts einzuwenden. Aber diese enorme Ausdauer im Gurren – das nervt manchmal sehr.
So sehr, dass ich mich frage: Was ist der Sinn des Tauben-Gegurres? Steckt mehr dahinter, als ich zu erkennen vermag? Ist die Taube womöglich tiefgründiger als alle ihre singenden Artgenossen zusammen? Ist das, was mir als Mangel an Kreativität erscheint, ein Ausdruck von Beständigkeit in einer Welt, die sich fast täglich neu erfindet, in der Gemeinden im Fricktal fusionieren oder auch nicht, Baustellen in Frick enden oder auch nicht, Milliarden in den Bau eines riesigen Batteriespeichers fliessen oder auch nicht und KI nicht weiss, ob sie Maschine oder Mensch sein will?
Vieles verändert sich, manches wankt, das Ruhku-ruuu unserer Taube auf dem Dach bleibt sich immer gleich. Vielleicht ist dieser vermeintlich glücklose Vogel dazu da, uns das aufzuzeigen.
Die sachliche Erklärung ist ohne jede Poesie: Die Taube kann keine schönen Lieder singen, weil sie – im Gegensatz zu den Singvögeln – ihre Laute nicht im Stimmkopf bildet, sondern in der Luftröhre und das erst noch bei geschlossenem Schnabel.
Und doch ist mir durch die Erfahrung mit unserer Taube eines klar geworden: Der Verfasser der Redewendung «Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach» muss ein Leidensgenosse gewesen sein.