Simone Rufli
«Ich habe den ganzen Vormittag gearbeitet und ein Komma gestrichen. Nachmittags habe ich es wieder eingesetzt …» – was Oscar Wilde in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts gesagt hat, bringt die Krux mit dem Komma auf den Punkt. Auch wir beugen uns ...
Simone Rufli
«Ich habe den ganzen Vormittag gearbeitet und ein Komma gestrichen. Nachmittags habe ich es wieder eingesetzt …» – was Oscar Wilde in den 80er-Jahren des 19. Jahrhunderts gesagt hat, bringt die Krux mit dem Komma auf den Punkt. Auch wir beugen uns bisweilen über eine Seite und diskutieren, ob ein Komma nötig, hilfreich oder überflüssig ist.
Es gab Zeiten, da machte man sich diese Mühe nicht. Die Griechen und Römer der Antike zum Beispiel verzichteten nicht nur auf Satzzeichen, sie schriebenauchganzeSätzeohnejeglichenAbstandaneinander. Scriptura continua nannten sie das undfandendasübereinelangeZeitgut.
Unleserlich finden Sie?
Es gab damals auch noch nicht allzu viele Menschen, die das lesen mussten. Lesen und Schreiben waren noch längst nicht jedermanns Sache, nur wenige beherrschten diese Fähigkeiten. Das war nicht weiter schlimm, denn geschriebene Texte wurden in der Antike meist laut vorgetragen. Weil auch das eine Kunst ist, halfen drei Punkte auf unterschiedlichen Höhen, die dem Sprecher anzeigten, wie viel Atem er an welcher Stelle holen durfte.
Fast macht es den Anschein, als würde sich – je digitaler unser Alltag wird – der Kreis zur Antike langsam wieder schliessen. Mit den technischen Möglichkeiten von heute verlieren Lesen und Schreiben an Bedeutung. Das ist nicht weiter schlimm, denn geschriebene Texte werden in der digitalen Welt meist vorgelesen …