Simone Rufli
Keine Angst, ich rate Ihnen heute nicht, jemanden bewusst zu ignorieren, Ihrem Gegenüber nicht zuzuhören oder Informationen durch den Kopf hindurchgehen zu lassen wie Luft durch zwei offene Fenster. Es geht ums stinknormale Lüften nach dem altbewährten ...
Simone Rufli
Keine Angst, ich rate Ihnen heute nicht, jemanden bewusst zu ignorieren, Ihrem Gegenüber nicht zuzuhören oder Informationen durch den Kopf hindurchgehen zu lassen wie Luft durch zwei offene Fenster. Es geht ums stinknormale Lüften nach dem altbewährten Prinzip Fenster auf, Luft zirkulieren lassen, Fenster zu.
Lüften sei keiner Rede wert, weil selbstverständlich, meinen Sie? Weit gefehlt! In sozialen Netzwerken, so habe ich mir sagen lassen, werde die Kunst des Lüftens gerade in all ihren Facetten propagiert. Videos zur Technik des Lüftens sollen die Runde machen und mit Erstaunen werde festgestellt, dass frische Luft zum einen mehr Sauerstoffe liefere, umgekehrt aber auch Feuchtigkeit und schlechte Düfte aus den Räumen ableite.
Vielleicht sind diese Tipps ja wirklich nötig, weil wir gerne auf Durchzug stellen, wenn es darum geht, vom Sofa aufzustehen, um die Fenster zu öffnen?
Vielleicht ist der Hintergrund aber auch sportlicher Natur, wenn wir an «Milano Cortina 2026» denken. Ich sehe schon die Schlagzeile im Vorfeld der nächsten olympischen Spiele: «Stosslüften – von der Randsportart zur Königsdisziplin.» Das Pflichtprogramm: Hände an den Fenstergriffen, bereit für den Startschuss. Fenster auf, Durchzug an, Papier fliegt, Pflanzen biegen sich im Windkanal. Musikalisch verstärkt durch «Gewitter und Sturm» aus der Symphonie Nr. 5 von Richard Strauss.
Am Tag darauf die Kür: Der Moment, in dem der Raum sein Innerstes nach aussen kehrt, leise und unspektakulär das Wunder offenbart, wenn stickige, müde Luft wie ein alter Gedanke hinausgleitet und frische Luft hereinströmt, durch den Raum schwebt und alles durcheinanderwirbelt, ganz sanft dazu Bob Dylans «Blowin’ in the Wind».