Simone Rufli
Ob es mit der Hitze des Sommers zusammenhängt oder eine Folge der langanhaltenden Trockenheit ist, ich kann es nicht genau sagen, aber ich stelle fest: In diesem Jahr herbsteln die Buchstaben.
Im Alphabet hat das grosse Welken längst begonnen. Das ...
Simone Rufli
Ob es mit der Hitze des Sommers zusammenhängt oder eine Folge der langanhaltenden Trockenheit ist, ich kann es nicht genau sagen, aber ich stelle fest: In diesem Jahr herbsteln die Buchstaben.
Im Alphabet hat das grosse Welken längst begonnen. Das «F» verliert wöchentlich an Spannkraft. Das «O» ist oberfaul und setzt bereits massiv Winterspeck an. Die Umlaute fühlen sich zu nichts mehr verpflichtet und werfen bei den ersten Nachtfrösten ohne Rücksicht auf Verlust ab, was sie als Ballast empfinden: Den «Äs», «Ös» und «Üs» fallen die Punkte ab. Aus der «Brücke» wird eine «Brucke», das macht wenig Sinn, ist aber immer noch besser, als wenn aus «schön» «schon» wird. Die Sprache verliert ihre Nuancen, sie verkummert im Frost.
Nicht nur Form und Verständnis leiden. Fallen die Temperaturen in der Nacht unter 10 Grad und fühlen sich die Buchstaben tags darauf unbeobachtet, ändert sich auch ihr Verhalten. Wörter rücken im herbstlichen Kontext enger aneinander, um sich gegenseitig zu wärmen. Es entstehen endlose Bandwurmsätze, die man dreimal lesen muss, um sie zu verstehen, weil die unter Herbst-Blues leidenden Buchstaben sich weigern, Platz für klärende Satzzeichen zu machen.
Fallen die Nachttemperaturen weiter und greift die Kälte auf den Tag über – so meine Feststellung – passiert auch das immre öftre: auf der Suche nach Wärme kriecht ein verfrorenes «e» heimlich unter das «r». Verständlich, aber auch ärgerlich, denn für in der Wärme sitzende Lesende sieht das nach einem Tippfehler aus.
Die Chance, dass bald Gras über die Sache wächst, ist in dieser Jahreszeit gering. Es bleibt die Hoffnung auf eine dämpfende Schicht Schnee.