Über das Benkerjoch nach Luzern
09.08.2026 FricktalEine frühmorgendliche hochsommerliche Velotour
Unser Mitarbeiter fuhr mit dem Velo von Rheinfelden über Aarau nach Luzern. Die Tour startet früh morgens, um der Tageshitze möglichst zu entgehen: Bereits um 8.25 Uhr liegt das Fricktal auf dem Benkerjoch hinter ihm.
Boris ...
Eine frühmorgendliche hochsommerliche Velotour
Unser Mitarbeiter fuhr mit dem Velo von Rheinfelden über Aarau nach Luzern. Die Tour startet früh morgens, um der Tageshitze möglichst zu entgehen: Bereits um 8.25 Uhr liegt das Fricktal auf dem Benkerjoch hinter ihm.
Boris Burkhardt
Um 5.35 Uhr starte ich gen Morgengrauen. Das hat den Vorteil, dass ich einen guten Teil der Strecke von Rheinfelden über Aarau nach Luzern schon hinter mir haben werde, bevor der Tag richtig heiss werden wird. Ich rechne mit einer Strecke von 100 Kilometern. Jetzt hat es angenehme 23 Grad; der Wind weht kühl und erfrischend aus Osten. Die Reifen meines Trekkingrads habe ich am Abend zuvor auf sechs Bar aufgepumpt. Das gibt mir zumindest am Anfang das Gefühl, als flöge ich über den Asphalt.
Auf der Waldstrecke nach Möhlin kommen mir wenige Pendler mit dem Velo entgegen. Es wird hell. Doch wo der Wald endet, endet auch die idyllische Morgenstimmung jäh: Auf der Salinenstrasse in Riburg ist um kurz vor sechs schon richtig Verkehr. In Möhlin mache ich den Fehler, den ich vermeiden wollte, und lande auf der Kantonsstrasse nach Mumpf. Ich wollte sowohl die Nationale Veloroute 2 am Rhein entlang vermeiden, weil Umweg, Schotterpiste und schon zu oft gefahren, wie auch die Dreiland-Route 97, die über Zeiningen und Hellikon zu weit nach Süden führt.
Nun also Kantonsstrasse 3 über das Hochplateau zwischen Möhlin und Mumpf. Zum Glück kommen mir die meisten Autos entgegen. Von denen, die mich überholen, tun das bis auf drei alle ordentlich. Ob es repräsentativ ist, dass zwei Franzosen und ein Aargauer nicht kapieren, dass sie Leben gefährden, wenn sie bei 80 km/h mit einem Abstand von einem halben Meter überholen, sei dahingestellt. Der Ärger über sie verfliegt schnell, als ich von der Einmündung eines Feldwegs aus den Sonnenaufgang über dem Rheintal fotografiere: eine lachsfarbene Kimm unter einem von Wolken grauhellblau zerzausten Himmel.
Durchs Fischingertal
Nach dem Kreisel bei Wallbach nehme ich die Chance wahr, dem Verkehr zu entgehen und überquere die Autobahn am Bahnhof Mumpf vorbei in die Kapfstrasse. «Waldwiese» heisst hier eine Wohnstrasse. Dazu passt noch einmal ein idyllischer Blick auf das Morgenrot, in den sich sogar die Dampfsäule aus Leibstadt einfügt. An der Kreuzung mit der Juchstrasse bei der Heilpädagogischen Schule begegne ich dem ersten Kruzifix am Wegesrand. Ich habe gelernt, dass die Wegkreuze am Hochrhein in der Regel an den alten vorderösterreichischen Poststrassen stehen, von Basel bis Rheinfelden rechts des Rheins, von Rheinfelden nach Säckingen links des Rheins.
Bei einer früheren Velotour nach Aarau bin ich über Wegenstetten gefahren und am Flugplatz Schupfart vorbei. Weil ich dieses Mal eine deutlich längere Strecke vor mir habe, nehme ich den kürzeren Weg durch das Fischingertal. Ich bereue es nicht: Obermumpf liegt um 6.45 Uhr beneidenswert schön und kühl im Talboden zwischen Wäldern und Feldern – zumindest von der Juchstrasse aus gesehen, wo sie aus dem Wald tritt.
In Schupfart kommt der steilste Stich auf den Wolberg hinauf. Die 100 Höhenmeter auf der schmalen Schönenbühlstrasse nach Gipf-Oberfrick bringen mich erstmals ins Schwitzen. Leider herrscht auch hier viel Verkehr; und ich weiss genau, welche Autofahrer nie auf einem Velosattel sitzen, wenn sie versuchen, mich auf dem schmalen Hohlweg zu überholen, während ich vor Anstrengung torkelnd im ersten Gang krampfe. Bei einem Auto lande ich fast im offenen Beifahrerfenster und mache die Fahrerin laut fluchend darauf aufmerksam. Aber auch dieser Aufstieg hat ein Ende, an dem mich erstmals die Sonne begrüsst. Sie ist gerade über den Horizont geklettert und hat noch wenig Kraft. Dennoch beschliesse ich, jetzt die Sonnenbrille aufzusetzen.
Für die Strapazen werde ich mit einer herrlichen Abfahrt nach Gipf-Oberfrick belohnt. Dort gibt es bereits vergoldete Wegkreuze. Später im Luzernbiet werden es noch deutlich mehr Wegkreuze werden, ausserdem auch Kapellchen und Bildstöcke. In Wölflinswil spreche ich einen Mitarbeiter auf dem Hof einer Holzbau-Firma an, ob der imposante Holzturm mit Schweizerfahne dort oben am Hang das 1. August-Höhenfeuer sei. Was man jetzt damit machen werde, frage ich. Man werde es abbrennen, sobald man wieder dürfe, vielleicht im September oder Oktober, sagt er: «Das ist nicht das erste Mal.»
Höchster Punkt erreicht
Was die Wegweisung auf Wanderwegen angeht, ist die Schweiz zurecht ein weltweites Vorbild. Das «Veloland Schweiz» hat aber noch Entwicklungspotential. Da ist die deutsche Seite des Rheins vorbildlich: Die Velo-Wegweiser mit grüner Schrift auf weissem Grund geben verschiedene Etappen an mit Entfernung sowie Hinweisen zu Busund Bahnanschluss und, wenn nötig, zu überdurchschnittlich starker Steigung oder Gefälle. Als ich in Aarau auf die Nationale Veloroute 3 stosse, wird es ein bisschen besser mit den Wegweisern: Schon in der Bahnhofstrasse ist Luzern als nächstes Etappenziel angegeben.
Ich verstehe nicht, warum der offizielle Veloweg von Oberhof nach Küttingen über die Benkerstrasse mit ihrem Autoverkehr führt. Der idyllische Weg über die Ockertstrasse ist zugegeben teilweise recht steil – aber es müssen ja auf beiden Strecken die letzten Höhenmeter zum Benkerjoch überwunden werden. Um 8.25 Uhr komme ich auf 674 Metern über Meer an; und während ich auf der Bank im Schatten der nahen Bäume ins Fricktal hinunterblicke, bin ich sehr glücklich: In knapp drei Stunden und 33 Kilometern habe ich den Jura auf insgesamt 500 Höhenmetern überquert; und der Morgen hat gerade erst begonnen. Der längste Weg liegt vor mir, der anstrengendste aber hinter mir.
Ab ins Mittelland
Ein ganz anderes Erlebnis ist die Fahrt durch das waschbrettflache Mittelland, immer entlang der Suhre über Oberentfelden, Schöftland, Triengen und Sursee: Es wird deutlich heisser; ich spüre den Jura in meinen Oberschenkeln; das Wasser in der Veloflasche ist schon nach einer halben Stunde ungeniessbar warm. Der Weg am Wasser entlang verläuft ab Schöftland abseits der Siedlungen: Es ist schön hier; zeitweise begleiten mich meine Lieblingsbäume, die Weiden. Aber Kilometer für Kilometer wird es doch etwas eintönig; und der Schotterweg schüttelt Velo, Taschen und mich durch.
Die Kantonsgrenze ist nicht durch ein Schild markiert. Dass ich sie bei Triengen überfahren habe, merke ich nur an den gelben Rauten der Wanderwege, die nun das Luzerner Wappen ziert. Eigentlich sollten die Kantonswappen zugunsten einer schweizweit einheitlichen Optik schon seit Jahren entfernt sein, wie ich von Fricktaler Wegewarten weiss. Vom Sempachersee bin ich sehr enttäuscht: Ich kannte den See bisher nur von der Autobahn und hatte mich auf einen schönen Uferweg gefreut. Doch fast überall verhindern Privatparzellen den Blick auf den See. Auf dem Heimweg mit dem Zug fahre ich am Südufer entlang: Hier wäre es viel schöner gewesen.
Hinter Sempach steigt der Weg noch etwas an; erstmals sind die Alpen sichtbar. Dann bin ich überrascht, wie weit es über Rothenburg und Emmen nach Luzern hinuntergeht. Um 14.45 Uhr komme ich in der Altstadt an. Im Gegensatz zu den japanischen und südamerikanischen Touristen will ich keinen Stadtrundgang mehr machen. Dass ich so früh am Morgen gestartet bin, hat nun auch den Vorteil, dass ich nicht im Pendlerverkehr mit dem Velo in den Zug muss. Einziger Wermutstropfen bei dieser wunderschönen Tour: Luzern ist nur 98 Kilometer von Rheinfelden entfernt; die prestigeträchtigen 100 Kilometer habe ich nicht überschreiten können.



