Aus dem Kälberstall in die Welt hinaus

  13.04.2026 Persönlich

Es ist nicht alles Gold, was glänzt, besagt ein Sprichwort. Das mag richtig sein. Im Fall von Tobias Gilgen aber ist es falsch. Der Glanz der Schallplatte, die der Zeiher kürzlich verliehen bekam, gründet auf echtem Gold-Status.

Simone Rufli

Angefangen hat es mit einem leeren Kälberstall. Zuerst Hobbyraum, dann Flipperstall, wandelte er sich nach und nach zum Tonstudio. «Akustisch nicht hochprofessionell, aber für meine Bedürfnisse genau richtig», sagt Tobias Gilgen und nimmt auf dem Sofa Platz. Vor acht Jahren, im 2018, sass er auch hier im Kälberstall. Zusammen mit Noah Veraguth, Leadsänger von Pegasus, Singer-Songwriter Tobias Jensen und Komponist Fabian Imper, beide von der Elektro-Pop-Band Karavann. Zu viert arbeiteten sie an einem neuen Song. Fertig produziert blieb «Home» aber erst einmal liegen – bis Noah Veraguth im Covid-Jahr 2020 als Jury-Mitglied von «The Voice of Switzerland» seinen Finalkandidaten Remo Forrer «Home» singen liess. Remo Forrer gewann damals im Rahmen eines coronabedingten Home-Studio-Finales, seine Siegersingle «Home» veröffentlichte er im April 2020 und der Titel aus dem Kälberstall eroberte die Musikwelt. Auf dem vorläufigen Höhepunkt dieser Geschichte steht nun eine Goldene Schallplatte.

«In der zweiten März-Woche haben wir alle zusammen Remo Forrer in meinem Tonstudio mit der Übergabe der Goldenen Schallplatte überrascht.» Tobias Gilgen lächelt verschmitzt. «Remo dachte, er kommt zu einer Songwriting-Session.» Gegen zwei Millionen Premium-Streams aus der Schweiz und rund 800 Ladenverkäufe waren nötig, um den Gold-Status zu erreichen.

Von der Stadt aufs Land
Geboren in Basel, zog Tobias Gilgen nach einem zweijährigen Aufenthalt in Wien im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie ins Fricktal. Schmunzelnd fügt er hinzu: «Für den Bekanntenkreis war es nur eine Frage der Zeit, bis unsere Eltern, des Landlebens überdrüssig, zurück in die Stadt kehren würden.» Es kam anders. «Wir fühlten uns schnell wohl und unsere Eltern leben seit nunmehr 32 Jahren hier oben.» Hier oben, das ist der Eichwald, hoch über Zeihen, Lage und Aussicht prächtig. «Bei schönem Wetter, ja», sagt Gilgen und lacht.

Tobias ist das älteste von drei Geschwistern. Nach der Primarschule in Zeihen besuchte er die Bezirksschule in Frick und später die neue Kantonsschule in Aarau. Musik habe ihm immer viel bedeutet, sagt er. Er spielte abwechselnd Schlagzeug, Gitarre und Klavier. In jener Zeit aber, als er mit einer Kanti-Band in Clubs auftrat, habe es ihm den Ärmel so richtig reingezogen. «Ich habe in den vier Kanti-Jahren zweimal in einer Projektwoche den Kurs ‹Deinen eigenen Song aufnehmen› belegt, so fasziniert war ich von der Aufnahmetechnik.» Berufsmusiker werden, das wollte er nie. Auch nicht, sich auf eine musikalische Stilrichtung festlegen. «Im Teenie-Alter wollten wir vieles ausprobieren und wie die anderen Band-Mitglieder war ich nie der Instrumentalist, der sich mit einem einzigen Instrument vertieft befassen wollte.» Grundkenntnisse auf verschiedenen Instrumenten, das war, was er wollte, um Songs selber einspielen zu können.

Praktikum bei HitMill
Hätten sie als Teenager Lieder neu gemischt, zum Jux auf SoundCloud hochgeladen und sich über 100 Plays gefreut, sei der Wunsch, das Hobby professioneller anzugehen, erst Jahre später gereift – nach dem Studium der Publizistik und Kommunikationswissenschaften an der Uni Zürich. «Da ich unmittelbar nach dem Studienabschluss keinen Job gefunden habe, liess ich mich am SAE Institut zusätzlich in Sound Engineering ausbilden. Mit dem Zertifikat in der Tasche bekam ich einen Praktikumsplatz bei der Agentur Hit-Mill.» Dort, bei der erfolgreichsten Musikproduktionsfirma der Schweiz, kam Tobias Gilgen in Kontakt mit den Grössen der Schweizer Musikszene. Stress, Heimweh, Stubete Gäng, Schwiizergoofe, Pegasus, Bligg – die Liste der Musikgrössen, deren Songs aus der Hit-Schmiede HitMill stammen, liesse sich beliebig verlängern. «Ich habe in dieser Zeit aber auch gemerkt, wie hart das Pf laster ist und wie schwer es ist, in der Schweiz von der Musik zu leben.»

Tobias Gilgen blieb der Musik treu, schlug aber einen anderen Weg ein. «Ich hängte eine pädagogische Ausbildung an und begann, als Oberstufenlehrer an der Sekundar- und Realschule Musik zu unterrichten.» Auch wenn er heute noch die eine oder andere Stellvertretung mache, «meine Zukunft sehe ich allen Schwierigkeiten zum Trotz in der Musikbranche».

Gut möglich, dass sich mit dem Gold in der Hand nun die eine oder andere Tür leichter öffnen lässt.


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