Ankara statt Hawaii
20.05.2026 MöhlinDer Möhliner Warteck-Wirt über Abschied und Neuanfang
Zwanzig Jahre Stammtischgeflüster im Eck und eine besonders berüchtigte Pizza auf der Speisekarte: Ein Rückblick mit dem scheidenden Gastgeber Atilla Akkaya.
Ronny Wittenwiler
Atilla Akkaya (54) ist einer mit zwei ...
Der Möhliner Warteck-Wirt über Abschied und Neuanfang
Zwanzig Jahre Stammtischgeflüster im Eck und eine besonders berüchtigte Pizza auf der Speisekarte: Ein Rückblick mit dem scheidenden Gastgeber Atilla Akkaya.
Ronny Wittenwiler
Atilla Akkaya (54) ist einer mit zwei Herzen in der Brust. Das eine schlägt fürs Warteck und liess seinen Puls öfters hochgehen. Geweibelt hat er dann im Speisesaal, Gäste bewirtet. Nur gibt es eben auch das andere Herz, und manchmal ist dieses schwer geworden, wurzelt es doch weit weg, in seiner alten Heimat Ankara, wo er als knapp Fünfzehnjähriger auf der Suche nach Arbeit und Perspektiven einst aufgebrochen war. Die Reise führte ihn zum Bruder in die Schweiz und neunzehn Jahre später in die Zeitungsspalten der NFZ: Atilla Akkaya übernimmt im ehrwürdigen Warteck. Knackige 34 ist er da, knusprig die Pizza, neu im Angebot.
Ein Fremder
Eine gewisse Verschlossenheit ihm gegenüber abzulegen, diesem Fremden, dem Türken: Es habe damals Anlaufzeit gebraucht, sagt er ganz offen. Ein halbes Jahr, zuweilen ein ganzes, habe das teilweise gedauert. Das gegenseitige Kennenlernen fruchtete. Aus dem Fremden wurde für viele bald einmal der «Atilla», aus dem Speisesaal hinten ein Ristorante und: aus dem Stammtisch vorne am Eck eine ewig sprudelnde Quelle des neusten Dorfgeflüsters. Jetzt, fast auf den Tag genau zwanzig Jahre später, endet diese Reise für Atilla Akkaya. Vor gut einer Woche gab er ein grosses Fest zum Zwanzigjährigen und verkündete dabei offiziell seinen Abschied. Loslassen ist nicht einfach.
Kein spontaner Entscheid
«Die Freundschaften werde ich am meisten vermissen. All die Menschen, die immer hier am Tisch gesessen sind. Es waren zwanzig sehr schöne Jahre.» Schön, aber auch ganz schön anstrengend, wie er nun mit einem Lächeln sagt. Die Kniegelenke schmieren mittlerweile deutlich weniger als seine Spaghetti «aglio e olio», und dann erwähnt Atilla Akkaya, wo es bei so vielen in der Branche genauso klemmt: beim Personal. Ob im Service, ob in der Küche. «Es war vor Corona schon schwierig, genug geeignetes Personal zu finden, nach Corona ist es noch schwieriger geworden.» Die Bereitschaft, an Wochenenden zu arbeiten, habe stark abgenommen. Das Kapitel Warteck zu schliessen, sei deshalb kein spontaner gewesen. «Ich befasse mich seit zwei Jahren damit.» Jetzt ist der Moment da.
So geht es weiter
Und dann wären da noch die Reaktionen auf seinen Abschied per Ende Mai. «Vor allem viele Stammgäste zeigten sich besorgt.» Das «Warteck» bleibe aber das «Warteck», sagt er. Dasselbe gelte auch für die vielen Vereine, denen das Restaurant Treffpunkt für Versammlungen geworden ist. Vielleicht, sagt Akkaya, werde der neue Geschäftsführer Änderungen in der Gastronomie einbringen, neue Ideen. «Aber der Stammtisch, er bleibt so, wie er ist.» Ab Juni übernimmt Dennis Kizilkaya (29), der zuvor den Rebstock in Frenkendorf führte.
Und Atilla Akkaya?
Noch will er den neuen Pächter und Geschäftsführer bei dessen Einarbeitung unterstützen und deshalb im Juni zu Hauptbetriebszeiten immer mal wieder anzutreffen sein. Mittelfristig zieht es ihn in die alte Heimat. «Ich habe vor, bis in zirka eineinhalb Jahren in die Türkei zurückzukehren und dort zu leben.» Abschied und Neuanfang. Für das Warteck wird er aber immer ein Herz übrighaben. Besonders für die Menschen, die ihn hier zwanzig Jahre lang treu begleiteten. Kurze Frage zum Schluss: Welche Pizza, die er seinen Gästen in den zwanzig Jahren serviert hat, würde Atilla eigentlich selbst nie essen? Er wirkt gelöst und antwortet mit einem Lachen: «Hawaii!»
Dann doch lieber Ankara.


