Altes beim Entstehen von Neuem entdeckt
11.09.2026 MettauertalHistorischer Tuffsteinabbau im Mettauertaler Ortsteil Wil
Seit Ende Juni sind regelmässig Mitarbeitende der Kantonsarchäologie auf dem Bauplatz für eine neue Überbauung im Mettauertaler Ortsteil Wil anzutreffen. Hier entstehen auf dem rund 2600 Quadratmeter grossen Areal Steinhof zwei ...
Historischer Tuffsteinabbau im Mettauertaler Ortsteil Wil
Seit Ende Juni sind regelmässig Mitarbeitende der Kantonsarchäologie auf dem Bauplatz für eine neue Überbauung im Mettauertaler Ortsteil Wil anzutreffen. Hier entstehen auf dem rund 2600 Quadratmeter grossen Areal Steinhof zwei unterkellerte Mehrfamilienhäuser.
Ihre Anwesenheit bei den Aushubarbeiten erklärt die Kantonsarchäologie damit, dass sich der Bauplatz in einer archäologischen Verdachtslage in einem historischen Ortskern und zudem auf einem gegen Süden ausladenden Schuttfächer eines Baches befindet.
Die Fachleute der Kantonsarchäologie wurden nicht enttäuscht. Zuerst zeigten sich im Boden eine spätmittelalterliche Kultur- und Brandschicht zusammen mit eigenartigen Tuffsteinbänken. Freigelegt wurden zur Überraschung aller weiter auch noch Holzgebäude in Pfostenbauweise in Form von Pfostengruben mit bis zu 50 Zentimetern Durchmesser. Eine Feuerstelle, zahlreiche Tierknochen sowie etwas römische Keramik des 1. Jahrhunderts n. Chr. datieren das einfache Fachwerkgebäude in römische Zeit. Ein Brand muss dieses zerstört haben, wie zahlreiche verziegelte Lehmbrocken mit Rutennegativen belegen. Im Steinbruchgelände unmittelbar hinter dem römischen Gebäude beobachteten die Ausgräber mit Steinschutt verfüllte Tuffabbaustellen. Diese belegen, dass dieser poröse, gelblich-weiss gefärbte und ausgezeichnet zu bearbeitende Tuffstein bereits in römischer Zeit systematisch abgebaut worden ist. Der Steinbruch scheint so weit ausgebeutet worden zu sein, dass eine grossflächige Terrasse aus Tuffstein entstand, die später durch eine Kalksteinpflästerung erschlossen wurde.
«Prähistorische Keramik und Silexfragmente zeigen uns, dass die Besiedlung vor Ort nicht erst mit der römischen Zeit begann, sondern mutmasslich mindestens bis in die Bronzezeit, also in das 2. Jahrtausend v. Chr. zurückreicht», hält dazu die Kantonsarchäologie fest. Weiter auch, dass die Tuffsteinbänke offenbar von so guter Qualität waren, dass der Abbau im 13. bis 14. Jahrhundert reaktiviert und erneut ein Arbeitsund Wohngebäude aus Fachwerk errichtet wurde. Wie Fragmente von Kochtöpfen und einfachen Becherkacheln belegen, wies das Gebäude neben einer Kochstelle sogar einen Kachelofen auf, was für einen gewissen Wohlstand und Wohnkomfort des Steinbruchbetreibers spricht. Beim mittelalterlichen Tuffsteinabbau dürfte die Abnehmerschaft bei den Bauherren der Burg Wessenberg, sowie der Habsburgerstadt Laufenburg zu suchen sein.
Baumaterial Kalktuff
Der im Jurabogen vorkommende Quelltuff oder Kalktuff entsteht durch jahrtausendelange Ablagerungsprozesse. Kalkhaltiges Quellwasser f liesst in Richtung eines Gewässers; an Stellen mit geringer Strömung lagert sich sogenannter Kalksinter ab, eine Ausfällung von Mineralien aus übersättigtem Wasser. Im Laufe von Jahrtausenden bilden sich solche Sinterschichten und verfestigen das darunter liegende Material. So baut sich das Gestein Stück für Stück auf und bildet schliesslich die Tuffsteinbank. Kalktuff ist aufgrund seiner weichen und porösen Struktur leicht abzubauen und bergfrisch mit Sägen einfach in die gewünschte Form zu bringen. Aufgrund seines geringen spezifischen Gewichtes, seiner Frostbeständigkeit und seiner porösen Struktur wurde er in der Römerzeit aber auch im Mittelalter bevorzugt für Bogen- und Gewölbekonstruktionen eingesetzt. Die an der spätkeltischen Befestigungsmauer in Vindonissa verbauten Quader aus Tuffstein zeigen, dass die Nutzung von Kalktuff bereits im 1. Jahrhundert v. Chr. einsetzte.
Wo die mutmasslich in der Römerzeit in Wil abgebauten Tuffsteine letztendlich verbaut wurden, ist laut Kantonsarchäologie nicht bekannt. Aufgrund der Transportwege zu Land und Wasser ist durchaus plausibel, dass die Bausteine auf dem Rhein bis Laufenburg und weiter rheinabwärts befördert wurden. In der näheren Umgebung von Wil sind bislang keine römischen Gebäude bekannt, an denen massgebliche Teile aus Kalktuff gefertigt waren.
Der Steinhof
Im Wiler Weiler Steinhof stand zuvor ein Bauernhaus, das laut Inschrift 1740 errichtet wurde. Es wurde 2026 abgebrochen. Der Wohnteil war aus Tuff- und Kalksteinen erbaut. Die Scheune bestand aus einer altertümlich wirkenden Zimmermannstechnik mit stehenden Dachstuhlsäulen und Aussenwänden in einer Wandständer-Bohlenwand-Konstruktion. Zusammen mit den drei anderen Bauernhäusern des Weilers, war es in der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts im ehemaligen Tuffsteinbruch erbaut worden. Dank den Erkenntnissen der Grabung hat sich nun auch das Herkommen des Flurnamens geklärt: Er bezieht sich auf Steinbruch des Spätmittelalters. (mgt/sh)

