Als die Rheinbrücke Fluchtweg war
07.05.2023 RheinfeldenVor 175 Jahren wurde der Dichter und Revolutionär Georg Herwegh im Kampf um die deutsche Republik in Dossenbach bei Badisch-Rheinfelden geschlagen. Wie viele Revolutionäre floh er in die Schweiz – mit seiner Frau Emma – als Feldarbeiter verkleidet auf einem Ochsenkarren ...
Vor 175 Jahren wurde der Dichter und Revolutionär Georg Herwegh im Kampf um die deutsche Republik in Dossenbach bei Badisch-Rheinfelden geschlagen. Wie viele Revolutionäre floh er in die Schweiz – mit seiner Frau Emma – als Feldarbeiter verkleidet auf einem Ochsenkarren über die Rheinfelder Rheinbrücke.
Boris Burkhardt
«Glückt unsere Rettung, so findet ihr mich in Rheinfelden wieder», soll Georg Herwegh (1817–1875) vor 175 Jahren gesagt haben. Allgemein bekannt ist der Arbeiterdichter aus Stuttgart, der in Liestal begraben liegt, eher für ein Zitat aus seinem «Bundeslied für den Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein»: «Mann der Arbeit, aufgewacht!/Und erkenne deine Macht!/Alle Räder stehen still,/ Wenn dein starker Arm es will.» Am 27. April 1848 wurde der Dichter, Revolutionär und Asylant in der Schweiz aber zwischen Dinkelberg und Rheinfelder Rheinbrücke zu einer ganz lokalen Berühmtheit – wenn auch nicht unbedingt zu einer ehrenvollen.
1848 war ein heisses Jahr in Europa. Seit die Franzosen in der Julirevolution 1830 ihren König verjagt hatten, brodelte es in allen Ländern und Regionen: In den italienischen Kleinstaaten wurden kurzlebige Republiken gegründet, das Königreich Sardinien versuchte, Oberitalien von der Fremdherrschaft Österreichs zu befreien, die Polen probten den Aufstand gegen den Zaren, Belgien wurde unabhängig und Baselland trennte sich blutig vom Stadtkanton.
Handeln statt Debattieren
In der Schweiz hatten die Liberalen eben im November 1847 im Sonderbundskrieg gegen die Konservativen gewonnen, was im September 1848 zur Gründung des Bundesstaates führen sollte. Auch in der Frankfurter Nationalversammlung in der Paulskirche kämpften die liberalen Abgeordneten um bürgerliche Freiheiten in den 39 deutschen Monarchien und Stadtstaaten und um die nationale Einheit. Einige radikale Demokraten sahen aufgrund des fortwährenden Widerstands der Fürsten die Zeit reif zum Handeln statt Debattieren. Im Grossherzogtum Baden griffen sie als erstes zu den Waffen.
In Dossenbach auf dem Dinkelberg zwischen Rheinfelden und Wehr, heute ein Ortsteil von Schwörstadt, kam es am 27. April 1848 zum Gefecht zwischen der von Herwegh angeführten «Deutschen Legion» und württembergischem Militär. Im Eiltempo war die Legion aus Paris über das elsässische Kembs nach Baden marschiert, um dem Revolutionshelden Friedrich Hecker (1811– 1881) Hilfe zu leisten, der am 12. April in Konstanz die Republik ausgerufen hatte und auf dem Weg in die Landeshauptstadt Karlsruhe am 20. April mit seiner Freischar bei Kandern von badischem Militär geschlagen worden war.
Seither irrte die Deutsche Legion, die zu spät gekommen war, durch das Wiesental auf der Suche nach einem Weg in die rettende Schweiz, im Versuch, die 5500 Soldaten der deutschen Fürsten zu umgehen, die die Revolution niederschlagen sollten. Die Niederlage der erschöpften Revolutionäre in Dossenbach zeichnete sich deshalb schnell ab. Herwegh versuchte, sich mit seiner politisch sehr engagierten Frau Emma (1817– 1904), allein zur Rheinbrücke durchzuschlagen. «Der Weg war sehr beschwerlich, mehrere Stunden, teils auf Umwegen durch Büsche und Gestrüpp, bergauf, bergab, fortwährend verfolgt, erreichten sie das Dorf Karsau, drei Stunden von Rheinfelden gelegen», schrieb Emma Herwegh in ihrem Aufsatz «Zur Geschichte der deutschen demo - kratischen Legion aus Paris – Von einer Hochverräterin» über sich selbst und ihren Mann.
Getarnt als Tagelöhner
In Karsau fanden die beiden prominenten Flüchtlinge in einem Bauernhaus Asyl. Es handelte sich um den heutigen Badischen Hof, wo eine Gedenktafel an das Ereignis erinnert. Georg Herwegh liess sich den Bart scheren; und in alten Bauernkleidern auf der Feldarbeit erlebten die beiden mit, wie die Jagd auf die fliehenden Freischärler im Wald weiterging. Nach Sonnenuntergang fuhr der Bauer das Ehepaar auf seinem leeren Wagen mit zwei Ochsen nach Rheinfelden – «getarnt als zwei Tagelöhner mit Heugabeln dicht an der Nase der Posten auf der Rheinfelder Brücke vorbei», wie Emma Herwegh schreibt. Auf deutscher Seite existierte am Rheinufer damals wohlgemerkt noch nichts, ausser dem Haus Salmegg.
Die Schweiz war in jenen Jahren voll von deutschen Revolutionsf lüchtlingen im politischen Asyl; auch Hecker war zuvor die Flucht über Rheinfelden gelungen. Georg Herwegh hatte bereits 1839 in die Schweiz fliehen müssen, weil er einen Offizier beleidigt und ihm die Zwangsrekrutierung gedroht hatte. Er lebte damals in Zürich und schrieb für demokratische und revolutionäre Zeitungen, untern anderem für Karl Marx. Als der konservative Kanton Zürich 1843 die Ausweisung mehrerer deutscher Demokraten vorbereitete, kaufte sich Herwegh für eine hohe Gebühr das Bürgerrecht von Augst im gerade einmal zehn Jahre alten Kanton Baselland.
In Herweghs Verständnis war der Kanton wegen seiner Abspaltung revolutionär; und dieser profitierte finanziell von seinem neuen Bürger. Gewohnt hat Herwegh in Augst aber nie; noch im selben Jahr zog er nach Paris. Andere Revolutionäre wie Friedrich Hecker emigrierten in die USA, wo sie sich am Civil War aufseiten der Nordstaaten beteiligten und Politiker wurden. Das Fricktaler Museum besitzt eine Photographie von Hecker von 1875 aber keine von den Herweghs.
In Liestal begraben; «in freier republikanischer Erde»
Nach der Flucht aus Dossenbach blieb Herwegh erneut in Zürich, schrieb Artikel und Gedichte und betätigte sich politisch als Schweizer Bevollmächtigter für den Allgemeinen Deutschen A rbeiterverein (ADAV), den Vorläufer der heutigen SPD. Erst 1866 kehrte er nach Deutschland zurück. Er starb dort am 7. April 1875; seine Witwe liess ihn aber in Liestal begraben, gemäss seinem Wunsch, in «seinem Heimatkanton, in freier republikanischer Erde» zu ruhen. Emma Herwegh wurde 1904 ebenfalls dort begraben. In Karsau und in Dossenbach erinnert eine Herweghstraße an die Ereignisse vor 175 Jahren.




