Alltag zwischen Weide und Wohnwagen
07.03.2026 FricktalNoch bis am 15. März sind die Wanderhirten Marc Engstler und Lea König mit einer grossen Schafherde unterwegs. Wir haben sie in Oberzeihen angetroffen, wo sie Anfang Woche auf ihrem Weg zurück nach Schneisingen Rast machten.
Sonja Fasler
Nur noch ein paar ...
Noch bis am 15. März sind die Wanderhirten Marc Engstler und Lea König mit einer grossen Schafherde unterwegs. Wir haben sie in Oberzeihen angetroffen, wo sie Anfang Woche auf ihrem Weg zurück nach Schneisingen Rast machten.
Sonja Fasler
Nur noch ein paar Schafköttel auf der Strasse in der Oberzeiher Röti deuten am späten Montagabend darauf hin, das hier vor kurzem eine grosse Schafherde vorbeigezogen ist. Von Schafen keine Spur. Geblöke? Fehlanzeige! Aber ein schwach beleuchteter Wohnwagen oben am Feldweg ist Indiz dafür, dass sich hier der Rastplatz der Wanderhirten befindet.
Wenn es eindunkelt und die Schafe satt sind, endet für Marc Engstler (34) und Lea König (27) der Abeitstag noch nicht. Dann spannen sie einen rund 200 Meter langen Zaun, pferchen die Herde ein und lassen die Tiere bis zum nächsten Morgen wiederkäuen. Seit Mitte Dezember ist das Paar mit den rund 650 Schafen auf Winterwanderung – täglich von Weide zu Weide, von Schneisingen ins Fricktal und wieder zurück – auf Umwegen und weitgehend abseit der Verkehrswege versteht sich.
Drei Monate auf Winterweide
Gestartet haben sie die Wintertour in Schneisingen, dem Wohnort der Schafbesitzer Karl und Etienne Tanner. Ihre Tiere verbringen die kalte Jahreszeit nicht im Stall, sondern auf wechselnden Flächen draussen in der Natur, wo es ihnen am wohlsten ist.
«Wir sind den ganzen Tag mit den Schafen unterwegs», sagt Engstler. Zwischen acht und halb neun Uhr morgens brechen sie auf. An manchen Tagen reichen zwei Flächen, bis die Tiere satt sind. An anderen legen sie über zehn Kilometer zurück. Besonders bei schlechtem Wetter brauche es mehr Fläche, erklärt König: «Wenn es sehr nass ist, dürfen wir nicht zu lange auf einer Weide bleiben, sonst entstehen Schäden.»
Die Route ist nicht starr festgelegt. Seit über 30 Jahren werde in der Region gewandert, erzählen die beiden. Es gebe bewährte Strecken, aber immer wieder Abweichungen – je nachdem, wo genügend Futter steht und welche Flächen zugänglich sind. Zäune, Strassen und intensiver Ackerbau erschweren die Planung zunehmend.
Präzisionsarbeit mit vier Pfoten
Unverzichtbar sind die beiden Hütehunde: die Border Collies Glen (3) und Maid (2). «Mit dem einen rede ich Englisch, mit dem anderen Deutsch», sagt Engstler. So lassen sich die Hunde unabhängig voneinander dirigieren. Die Arbeit mit ihnen sei es auch gewesen, die ihn zur Schäferei gebracht habe.
Die Hunde steuern die gesamte Herde, reagieren auf feinste Kommandos und lernen von klein auf im täglichen Einsatz. Maid war im vergangenen Winter noch Welpe und durfte zunächst nur stundenweise mitlaufen. Heute arbeiten beide zuverlässig – auch bei Regen, Schnee oder starkem Verkehr.
Nachts bleiben die Hütehunde bei ihren Haltern im Wohnwagen. Auf den Sommeralpen hingegen kommen zusätzlich Herdenschutzhunde der Bauern zum Einsatz, um die Tiere vor Raubtieren zu schützen.
Leben im Wohnwagen
Die Schafhirten wohnen mobil: Ein Wohnwagen dient als Unterkunft, mit einem umgebauten Bus wird dieser nicht nur gezogen sondern auch Zäune und Ausrüstung transportiert. Gasheizung, Kocher, Strom – alles ist auf das Nötigste reduziert. «Wir haben auch schon im Schlafsack draussen bei den Schafen übernachtet», erzählt König. «Aber nur bei gutem Wetter.»
Die Logistik verlangt Improvisation. Oft fährt einer der beiden mit dem Auto voraus, prüft geeignete Flächen und kehrt zur Herde zurück. Abends wird alles neu aufgebaut – bei Regen eine besonders kräftezehrende Aufgabe.
Zwischen Akzeptanz und Vorurteilen
Die Zusammenarbeit mit Landwirten funktioniere meist gut. Viele schätzten es, wenn ihre Wiesen im Winter abgeweidet würden. Der nächtliche Pferch bringe zudem wertvollen Dünger auf die Flächen. «Manche befürchten, dass danach kein Gras mehr wächst», sagt Engstler. «Aber wir bleiben nie lange genug, um Schaden anzurichten.»
Schwieriger seien dauerhafte Wildschutzzäune oder stark verbaute Gebiete. «Früher waren Hirten sogar mit Eseln unterwegs», erzählt König. Heute sei das wegen der vielen Hindernisse kaum noch möglich.
Vom Allgäu in die Schweiz
Engstler und König stammen aus dem Allgäu in Süddeutschland. Seit drei Jahren arbeiten sie ganzjährig als Hirten – Winterweide im Mittelland, Sommeralp im Bündnerland. Solche Stellen finde man auf der Internetseite Zalp.ch, einer Jobbörse für Hirten und Sennen, und man sei untereinander gut vernetzt, erzählen die beiden. Ihre nächste Station führt sie auf eine Schafalp bei Ilanz oberhalb des Vorderrheins.
Dort leben sie rund vier Monate in einem einfachen Container, der per Helikopter auf die Alp geflogen wird. Lebensmittel werden ebenfalls eingeflogen oder im Rucksack transportiert. Komfort ist relativ.
Wetter als grösste Herausforderung
Der vergangene Januar brachte viel Schnee – für die Schafe bis zu 20 Zentimeter kein Problem, sie scharren sich das Futter frei. Der Februar hingegen war geprägt von Dauerregen. «Zwei Wochen jeden Tag nass», erinnert sich König. «Das geht schon aufs Gemüt.» Krankheitstage gibt es praktisch nicht. «Das ist keine Arbeit, bei der man einfach zu Hause bleiben kann», sagt Engstler. Nur im Notfall könnte der Besitzer einspringen.Trotz aller Widrigkeiten wollen die beiden weitermachen. «Uns gefällt dieses Leben», sagt König. Draussen sein, mit den Tieren arbeiten, täglich neue Landschaften sehen – für sie ist das kein Verzicht, sondern Berufung.
Während die Schafe im Abendlicht wiederkäuen, kontrollieren Glen und Maid noch einmal den Zaun. Am Morgen früh geht es weiter – zur nächsten Weide.


