Alles begann mit Leserbriefen
18.05.2026 PersönlichEr ist einer der jüngsten SRF-Kommentatoren, konnte mit «Kehrseite – Abseits des Erfolgs» ein Herzensprojekt realisieren und fühlt sich im Fricktal daheim – Calvin Stettler im Gespräch.
Petra Schumacher
Die Stimme kennt man inzwischen gut, seit 2022 kommentiert Calvin ...
Er ist einer der jüngsten SRF-Kommentatoren, konnte mit «Kehrseite – Abseits des Erfolgs» ein Herzensprojekt realisieren und fühlt sich im Fricktal daheim – Calvin Stettler im Gespräch.
Petra Schumacher
Die Stimme kennt man inzwischen gut, seit 2022 kommentiert Calvin Stettler, Jahrgang 1995, als Sportreporter beim SRF Fussballspiele, seit 2023 auch Spiele der Schweizer Frauen-Nati; er hat aber auch Biathlon-Weltcups und Curling an Olympia live begleitet. «Obwohl es rückblickend durchaus früh Hinweise für meine Leidenschaft fürs Kommentieren gab, war dies nicht von Anfang an mein Berufsziel. Anfänglich wollte ich sogar mal Anwalt werden.»
Türöffner in die Medienwelt
Calvin Stettler wächst in einer sportbegeisterten Familie auf. «Ich habe schnell gemerkt, dass meine eigenen sportlichen Fähigkeiten nicht so ausgeprägt waren, mich die Stimmung rund um Sportanlässe aber extrem angesprochen hat.» Der Sportreporter fand seinen eigenen Zugang zum Sport. «In meiner Jugend habe ich angefangen, an der Playstation Fussball zu spielen und dabei den Ton abgestellt. Ich habe eigentlich nur gespielt, um selber kommentieren zu können.» Als zweite Leidenschaft schrieb Calvin Stettler Leserbriefe, vorwiegend zum Thema Fussball, zuweilen auch zum Eishockey, und hatte eine riesige Freude, wenn einer der Briefe abgedruckt wurde. Sein Kommentar zum angedachten Wechsel von Bayern-Spieler Thomas Müller zu Inter Mailand schaffte es als Leserbrief der Woche in die deutsche «Sportbild» und diente 2013 der erfolgreichen Bewerbung für das Jugendmediencamp der Aargauer Zeitung. «Das Sommercamp wurde mein Türöffner in die Medienwelt.» In den Folgejahren legt Calvin Stettler eine Bilderbuchkarriere hin. «Rückblickend ging wirklich immer alles auf», so Stettler. «Ich habe viele Chancen bekommen, die ich aber auch immer genutzt habe. Und jedes Mal habe ich mich mit einhundert Prozent eingebracht.»
Schon während des Journalismus-Studiums arbeitet der Sportreporter beim SRF, erst als Praktikant, später als Sportassistent und 2018, nach Abschluss vom Studium, als Sportreporter. «2022 ergab sich wieder so eine Chance», erzählt Calvin Stettler. «Beim SRF gab es einen Talente-Pool, wo Kommentatoren gesucht wurden. Ich habe mich dort gemeldet, wurde genommen, gecoacht und wurde bald darauf offiziell Kommentator.»
Die Leitfrage zum Spiel
Seit Sommer 2023 kommentiert der Sportreporter zusammen mit Ex-Nati Spielerin Rachel Rinast Spiele der Schweizer Fussballnationalmannschaft der Frauen. «Natürlich macht man sich als Kommentator angreifbar und ich musste lernen, mit Kritik umzugehen. Aber da wo ich jetzt bin, fühle ich mich an der richtigen Stelle», so Calvin Stettler. «Ich kommentiere so, wie ich es selbst gern hören würde. Das Grundwissen und die Fakten müssen stimmen, sie sind die Basiszutaten. Der Kommentar gibt dem Ganzen dann die richtige Würze», meint der Sportreporter. Mindestens einen, eher zwei Tage Vorbereitungszeit braucht er für jedes zu kommentierende Spiel. «Ich arbeite während der Übertragung mit zwei Laptops. Auf dem einen habe ich die Analyse von jeder einzelnen Spielerin beider Mannschaften und auf dem anderen, Informationen zu und rund um beide Mannschaften. All diese Informationen erarbeite ich mir selbst», erklärt Calvin Stettler. «Ich bin ‹gwundrig›, will immer viel wissen. Für jedes Spiel stelle ich mir zu beiden Teams Leitfragen, die ich bis zum Ende des Spiels beantworten will. Mit Rachel Rinast bespreche ich die Leitfragen. Ansonsten gibt es nur wenige Absprachen zum Kommentar zwischen uns, weil wir authentisch und spontan sein wollen. Dafür reden wir umso intensiver bei der Nachbetrachtung vom Match miteinander.»
Die andere Seite der Medaille
Vor etwa vier Jahren gab es beim SRF die Möglichkeit, intern Ideen für neue Formate einzureichen. «Ich berichte ja über Anlässe, die mit Menschen zu tun haben. Aber mit meiner Neugierde hat es mich interessiert, näher an die einzelnen Menschen heranzukommen. Da ich mich nun mal im Sportbereich bewege, lag es nahe, mich näher mit Sportlern zu befassen. In Markus Stalder, einem Kollegen aus der Sportredaktion, fand ich einen wichtigen Mitstreiter und Co-Produzenten.» Intensive Gespräche mit Sportlern und zahlreiche interne Diskussionen mit Markus Stalder ergaben das Format «Kehrseite – Abseits des Erfolgs», das in der Folge in drei Staffeln mit insgesamt zwölf Beiträgen auf SRF Play ausgestrahlt wurde. «Wir sprechen mit dem Sportler, aber nicht über den Sport. Das war unser Grundsatz», erklärt Calvin Stettler. In den Beiträgen wurde die andere Seite der Profisport-Medaille angeschaut.
Persönliche Tiefschläge, prägende Krisen oder Krankheiten machen die Sportler als Menschen nahbar. Gleichzeitig wurde neben dem Tiefpunkt auch über den Genesungsund Bewältigungsprozess gesprochen. Es war eine intensive Arbeit, schildert Calvin Stettler, bei der er nicht nur die Gespräche mit den Sportlern geführt hat, sondern auch die Drehtage organisiert hat. «Für mich ist das Projekt eine Herzensangelegenheit geworden und ich habe mich gefreut, dass wir gerade auch von Sportlern so viele positive Rückmeldungen bekommen haben», so der Sportreporter.
Im Fricktal daheim
Er sei für seine Freundin ins Fricktal gezügelt, erzählt Calvin Stettler. «Ich bin aktuell so viel unterwegs, da fand ich es einfach passend, dass meine Freundin in ihrer gewohnten Umgebung bleiben kann. Wobei der Weg nicht weit war. Ich bin ja Aargauer, komme von Baden. Das Ankommen im Fricktal hat man mir leicht gemacht und inzwischen fühle ich mir recht heimisch. Gerade die Naturnähe schätze ich sehr. Insbesondere, weil ich als Gegenpol zur Arbeit gern mit dem Gravelbike unterwegs bin.» Und dann folgt ein Nachsatz mit einem Schmunzeln: «Fürs Fricktal habe ich das Jassen gelernt. Den Schieber kann ich inzwischen ordentlich.»

