Im Labyrinth der Sprache
Verehrtes Publikum
Kürzlich las ich, dass Annalena Baerbock ein Gastspiel an der Columbia University geben werde. Zunächst nahm ich an, sie wolle die Studenten in einer Hüpfburg im Trampolinspringen unterweisen. Dann erfuhr ...
Im Labyrinth der Sprache
Verehrtes Publikum
Kürzlich las ich, dass Annalena Baerbock ein Gastspiel an der Columbia University geben werde. Zunächst nahm ich an, sie wolle die Studenten in einer Hüpfburg im Trampolinspringen unterweisen. Dann erfuhr ich, dass Baerbock Unterricht zum Thema «Global Leadership» erteilen werde. Vielleicht erläutert sie darin auch das von ihr entdeckte und von der Fachwelt mit Erstaunen aufgenommene «Baerbock’sche Paradoxon». Dieses besagt, dass Menschen ihre Meinung um 360 Grad ändern können und dabei ihre Meinung NICHT ändern.
Sicher wird sie die Studenten über den unaufhaltsamen Aufstieg der von ihr entwickelten feministischen Aussenpolitik informieren – auf Englisch. Diese Sprache bereitet ihr keine Schwierigkeiten. Vor einigen Jahren ging sie in Südafrika auf Tournee. Dort beeindruckte sie das Publikum damit, dass sie Südafrikas Weg in die Freiheit als «Bacon of Hope» bezeichnete.
Sie meinte wohl «Beacon», das «Leuchtfeuer». «Bacon» dagegen heisst Speck und ist unverzichtbarer Teil des englischen Frühstücks. Möglicherweise wurde der Event von der örtlichen Metzgerzunft gesponsert, oder Frau B. wollte auf die segensreiche Tätigkeit der Welthungerhilfe verweisen. Wir müssen aber gar nicht in die Ferne schweifen, um sprachliche Ausrutscher zu erkennen. Bei uns wirbt momentan eine politische Partei mit dem Slogan «Kein Krieg». Überall stösst man auf deren Plakate: auf der Strasse, in der S-Bahn, im Tram… Was will uns dieses Satzfragment sagen? 1. Wir sind KEIN KRIEG? 2. Wir wollen KEINEN KRIEG?
Bingo – Antwort zwei ist richtig, Sie sind ein Crack in Grammatik! Der Nominativ ist falsch, der Akkusativ richtig: KEINEN KRIEG. Und wer mir sagt, ich sei ein Pedant, der/m sage ich: «Würden Sie bei einer Rolex auch sagen: Ist doch egal, ob die genau geht?» WIR SIND HIER IN DER SCHWEIZ!!
Und wenn die Hüter der deutschen Sprache nicht mehr in der DUDEN-Redaktion, sondern in Schweizer Werbeagenturen sitzen, dann kann ich nur sagen: «Ich habe fertig!»
JAN PETERS