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01.09.2026 LaufenburgBusse oder Auszeichnung?
Susanne Hörth
Im Radio wollte die Moderatorin kürzlich wissen, wofür man seine Mitmenschen am liebsten büssen würde. Nicht im juristischen Sinn natürlich, eher so im kleinen Alltagsgericht, wo das Strafmass ...
Busse oder Auszeichnung?
Susanne Hörth
Im Radio wollte die Moderatorin kürzlich wissen, wofür man seine Mitmenschen am liebsten büssen würde. Nicht im juristischen Sinn natürlich, eher so im kleinen Alltagsgericht, wo das Strafmass zwischen strengem Blick, Augenrollen und demonstrativem Seufzen liegt. Die Vorschläge liessen nicht lange auf sich warten: Menschen, die einen vor dem ersten Kaffee ansprechen. Menschen, die auf dem Weg zum Bahnhof so langsam gehen, als würden alle Züge extra nur für sie warten. Und natürlich jene Menschen, die benutztes Geschirr nicht in die Spülmaschine stellen, sondern daneben ablegen.
Was hätte ich auf die Frage der Radio-Moderatorin geantwortet? Gar nicht so einfach. Nicht etwa, weil mir nichts dazu einfiele. Im Gegenteil: Da wäre die Waschmaschine, die zuverlässig einzelne Socken verschwinden lässt. Da wäre die Spinne in der Zimmerecke, die jedes frisch entfernte Netz als Einladung versteht, beim nächsten Mal noch grosszügiger zu bauen. Da wäre das Auto auf der Autobahn, das so dicht auffährt, als wolle es sich gleich bei mir in den Kofferraum einsteigen. Und da wären die Planerinnen und Planer von Parkplätzen, die offenbar der Meinung sind, ein Auto sei im Grunde nur ein sehr breites Velo.
Während ich innerlich also schon Bussenzettel verteilte, mischte sich ein anderer Gedanke darunter. Macht es wirklich Sinn, sich über solche Dinge aufzuregen? Hat nicht vielmehr etwas Kleines, das sich unverschämt freundlich dazwischenstellt, unsere Aufmerksamkeit verdient? So das «Danke» auf dem Display des Postautos, nachdem man ihm Vortritt gelassen hat. Ein Kind am Strassenrand, das einem fröhlich zuwinkt oder das Kuss-Smiley einer Bekannten, die ich lange nicht gesehen habe. Sie schrieb dazu: «Ich stehe gerade im Stau. Statt mich zu nerven, denke ich an Menschen, die ich mag.» Ich sitze im Auto, denke an diese Nachricht und ignoriere den dichtauffahrenden Lieferwagen hinter mir. Warum ärgern? Der Alltag wird doch viel schöner, wenn wir ihn ab und zu auf frischer Tat beim Freundlichsein erwischen.
