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18.08.2026 KolumneVerdunkelt oder erleuchtet?
Susanne Hörth
Nein, ich habe sie nicht gesehen. Beziehungsweise nicht mit empfohlener Brille am Mittwochabend Richtung Sonne geblickt, während der Mond sich davorschob. Aber ich habe es gespürt, ganz ehrlich. Wie damals ...
Verdunkelt oder erleuchtet?
Susanne Hörth
Nein, ich habe sie nicht gesehen. Beziehungsweise nicht mit empfohlener Brille am Mittwochabend Richtung Sonne geblickt, während der Mond sich davorschob. Aber ich habe es gespürt, ganz ehrlich. Wie damals am 11. August 1999, als ich zeitungsmässig unterwegs war und mich ein wenig mystisch begleitet fühlte. Man muss ja nicht immer alles sehen, um es zu erleben. Manchmal genügt eine Andeutung des Himmels.
Vorbereitet war ich natürlich. Also theoretisch. Ich wusste, dass man nicht einfach so in die Sonne schauen darf, auch wenn sie gerade von einem anderen Himmelskörper angeknabbert wird. Ich wusste auch, dass meine tatsächlich einst gekaufte Spezialbrille irgendwo in einer Schublade wohnt, zusammen mit abgelaufenen Gutscheinen und Kabeln unbekannter Bestimmung. Nur wusste ich nicht, wo meine war. Also entschied ich mich für die sichere Variante: Ich schaute nicht hin, ich meine natürlich gegen den Himmel. Die Schubladen-Sichtung kann warten.
Die Sonnenfinsternis machte ich natürlich trotzdem mit. Bewunderte insgeheim den kühlen Mond, der kurzfristig der heissen Sonne die Schau stahl und uns Menschen durch das Spektakel in seinen Bann zog. Kosmisch, nicht wahr? Für ein paar Minuten sind wir alle Astronomen, Philosophen und Wettermoderatoren in Personalunion. «Man spürt schon etwas.» Was genau, bleibt offen.
Am ehrlichsten reagiert vermutlich die Tierwelt. Vögel reduzieren bei einer Finsternis manchmal ihren Gesang, tagaktive Tiere schalten auf Abendprogramm, während nachtaktive plötzlich ihren Einsatz gekommen sehen. Die Amsel macht Feierabend, die Fledermaus fliegt los, die Biene findet, es sei genug gearbeitet, und irgendwo gähnt gelangweilt eine Katze und tut so, als habe sie das alles längst vorausgesehen. Vielleicht ist das das Schönste sowieso: Wenn der Kosmos kurz das Licht dimmt, werden wir Menschen mystisch – und die Tiere gehen einfach nach Hause.
