Herausgeputzt
Susanne Hörth
Es ist früh am 1. August, also genau die Uhrzeit, zu der vernünftige Menschen noch Kaffee trinken und unvernünftige Menschen reife Holunderbeeren vom Hausplatz wegzuwischen versuchen. Ich gehöre offenbar zur ...
Herausgeputzt
Susanne Hörth
Es ist früh am 1. August, also genau die Uhrzeit, zu der vernünftige Menschen noch Kaffee trinken und unvernünftige Menschen reife Holunderbeeren vom Hausplatz wegzuwischen versuchen. Ich gehöre offenbar zur zweiten Kategorie. In der Nacht hat es geregnet: Die Luft ist frisch, der Boden feucht, und selbst die Natur wirkt, als hätte sie nach einer langen Hitzephase endlich mal wieder befreit durchatmen können. Da bleibt eine Frau auf dem Trottoir stehen. «Putzt Du euren Platz für den Bundesfeiertag heraus?», fragt sie und lacht. Ich will gerade zu einer kleinen Abhandlung über zerquetschte Holunderbeeren, Schuhsohlen und häusliche Schmutzkatastrophen ansetzen. Doch sie rettet uns beide: Sie winkt, singt fröhlich «Trittst im Morgenrot daher» und zieht weiter. Der Schweizerpsalm, vielmehr die dazugehörende Melodie übernimmt sofort die Herrschaft in meinem Kopf.
Also wische ich weiter und summe leise dazu. Dabei denke ich an meinen Vater, der ebenfalls immer die Landeshymne summte, während er die Schweizer Fahne andächtig entfaltete und anschliessend am Fahnenmast vor dem Haus aufzog. Abends leuchteten Kerzen in roten Plastikbechern mit weissem Kreuz auf den Fenstersimsen: windgeschützt und wiederverwendbar. Ich habe weder Fahnenmast noch solche Plastikbecher. Mein sauberer Platz ist auch kein nationaler Beitrag, sondern Schadensbegrenzung.
Dann aber freue ich mich über den Regen. Er hat der Natur, den Tieren und uns Menschen ein frisches Durchatmen geschenkt. Dieses befreite Gefühl wünsche ich allen. Möglichst grosszügig, möglichst grenzenlos und, wenn es geht, ohne Holunder an den Schuhen.