Der Vogel
Ronny Wittenwiler
Möhlin-Ryburg hat ja ungefähr dreissigtausend Störche, und einer von denen hat sich mit seinen Eltern direkt über uns eingenistet: hoch oben im Baum.
Wir sitzen gemütlich auf der Terrasse, da blicke ich ...
Der Vogel
Ronny Wittenwiler
Möhlin-Ryburg hat ja ungefähr dreissigtausend Störche, und einer von denen hat sich mit seinen Eltern direkt über uns eingenistet: hoch oben im Baum.
Wir sitzen gemütlich auf der Terrasse, da blicke ich von unten hinauf zum Nest: «Die Beringung von Jungstörchen erfolgt normalerweise vier bis sechs Wochen nach dem Schlüpfen. Die Aktion findet direkt im Nest statt, wobei die Jungvögel den natürlichen Totstellreflex nutzen.»
Brösmeli: «Totstellreflex?»
Der Totstellreflex – so erkläre ich – ist ein angeborenes Schutzverhalten junger Weissstörche: «Bei drohender Gefahr legen sie sich flach hin und verfallen in eine regungslose Schreckstarre. Sie stellen sich tot.»
Krümel: «Erinnert mich an Papi, wenn er staubsaugen muss.»
Ja, witzig.
Dabei ist dieser Reflex äusserst praktisch, da man so die Beringung der Jungstörche stressfrei direkt im Horst durchführen kann – wobei Brösmeli sagt, dass bis jetzt noch keine Beringung stattgefunden hat: «Wetten, dass unser Storch noch keinen Ring am Bein trägt?»
Krümel guckt wehmütig hoch zum Nest: «Wir werden es wohl nie erfahren.»
Tja, Freundchen, da kennst du aber deinen Vater schlecht!
*
Unten beim Trottoir versammelt sich halb Ryburg, als Brösmeli zurück auf die Terrasse kommt:
«Wo ist eigentlich Papi?»
Maus: «Frag lieber nicht.»
Als die Feuerwehr ihre Autodrehleiter hochfährt und mich der Einsatzleiter vom Baum holt, ruft Krümel begeistert hoch: «Los, Papi. Mach den Totstellreflex.»
Jetzt Maus: «Nix da. Er muss noch staubsaugen!»
Das Volk bricht in Jubel aus. In Möhlin-Ryburg hat es ungefähr dreissigtausend Störche – und einige andere Vögel.
witte@nfz.ch