Frau Meier hat sich dekarbonisiert
Marianne Herzog
Schon wieder steht Frau Meier, meine Gartenfreundin, neben mir und streicht sich wichtigtuerisch eine Haarsträhne hinters Ohr: «Ich fühle mich richtig gut, wissen Sie, ich habe mich ...
Frau Meier hat sich dekarbonisiert
Marianne Herzog
Schon wieder steht Frau Meier, meine Gartenfreundin, neben mir und streicht sich wichtigtuerisch eine Haarsträhne hinters Ohr: «Ich fühle mich richtig gut, wissen Sie, ich habe mich dekarbonisiert.» «Hä», denke ich, «dekarbonisiert?!?!» Sie muss meine Überraschung bemerkt haben und rückt näher zu mir, blickt kurz vorsichtig umher und flüstert: «Ich verzichte seit Kurzem komplett auf fossile Brennstoffe.» Jetzt staune ich noch mehr, Frau Meier, die vor Kurzem noch Motorsägen schwingende Politiker bewundert hat, Frau Meier, die ihrem Garten durch rüde Methoden Angst einjagen wollte, damit er mehr Erträge liefert, gerade sie setzt auf Erneuerbare. Ich verstehe die Welt nicht mehr.
Frau Meier lacht mich an: «Mich unterschätzt man immer wieder. Ich beobachte schon lange die Politik und die Wirtschaft und habe mich entschieden, möglichst unabhängig von diesen Leuten zu werden. So habe ich Solarpanels aufs Dach montieren lassen, Batterien installiert und ein Elektroauto gekauft. Sie können sich nicht vorstellen, wie viel Geld ich damit sparen kann. Jetzt noch viel mehr, seit die Treibstoffpreise wegen der Schliessung der Strasse von Hormuz derart gestiegen sind. Ich kann seither komplett entspannt an den Tanksäulen vorbeifahren.»
Ich nicke, aber irgendwie habe ich das Bedürfnis, Frau Meier ihre Freude etwas zu vermiesen: «Ist das nicht eine Art Feigenblatt; Elektroauto, Solarstrom, aber dann doch in die Ferien fliegen?» «Feigenblatt!», ruft Frau Meier begeistert und greift sich an den Kopf, «deswegen bin ich ja hier, ich brauche vier Feigenblättchen. In meinem neuen Glacé-Rezeptbuch hat es nämlich ein Rezept für eine Feigenblattglacé. Diese will ich mir nicht entgehen lassen. «Schnell pflückt sie vier Blättchen von meinem Feigenbaum, der eben erste Blättchen trägt. Im Weggehen ruft mir Frau Meier zu: «Das Buch heisst ‹Eisvogel› von Tine Giacobbo und Katharina Singer, es ist genial. Und übrigens schmeckt Glacé, die mit Solarstrom gemacht ist, doppelt so gut!» Und weg ist sie.
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