Fricktaler Bibliothekare empfehlen
20.02.2026 FricktalMatthias Strähl
Stadtbibliothek Rheinfelden
Hanns-Josef Ortheil
Schwebebahnen
Luchterhand, München, 2025. 318 Seiten
Hanns-Josef Ortheils neuer Roman spielt im Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre. Im Mittelpunkt der Handlung ...
Matthias Strähl
Stadtbibliothek Rheinfelden
Hanns-Josef Ortheil
Schwebebahnen
Luchterhand, München, 2025. 318 Seiten
Hanns-Josef Ortheils neuer Roman spielt im Nachkriegsdeutschland der 1950er Jahre. Im Mittelpunkt der Handlung steht der sechsjährige Josef, der mit seinen Eltern von Köln nach Wuppertal zieht. Die neue Umgebung überfordert den Jungen und er zieht sich in seine eigenen Traumwelten zurück, spielt Klavier und erfindet Geschichten über rasante Abenteuerfahrten in exotische Länder voller wilder Tiere, und zwar mit der Schwebebahn, dem Wahrzeichen von Wuppertal. Nach und nach verändert sich sein Leben jedoch und Josef beginnt, seinen Blick nach aussen zu richten und seine Zurückhaltung zu überwinden. Er freundet sich mit dem Nachbarsmädchen Mücke an und lernt die Patres des Kreuzherrenordens kennen, die ihm die Welt des Gesangs und des Vorlesens eröffnen. Ausserdem fasst er Vertrauen zu einem Jugendtrainer, der ihn unter seine Fittiche nimmt. So findet Josef langsam aus seinem kindlichen Schwebezustand heraus, tritt hinein in die Gesellschaft und wird Teil der Welt, die ihn umgibt. Ortheil schildert diesen Übergang in zarten, poetischen Bildern. Gleichzeitig entwirft der Roman das Panorama einer gezeichneten, traumatisierten Gesellschaft, die sich nach den dunklen Jahren des Nationalsozialismus auch in einem Schwebezustand befindet und ihren Kompass erst noch finden muss.
Christoph Hein:
Das Narrenschiff.
Suhrkamp, Berlin, 2025. 750 Seiten
Ganz anders nähert sich Christoph Hein der deutschen Nachkriegsgeschichte an. In seinem grossen Gesellschaftsroman schildert er in einem distanzierten Ton fast dokumentarisch die Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik von ihrer Gründung nach dem 2. Weltkrieg bis hin zu ihrem Untergang 1989/90. Aus dem vermeintlichen Neuanfang voller Hoffnung und Utopie erwächst ein Staat, der, gefangen in seiner Ideologie, durch überbordende Kontrolle und Bürokratie in seiner Handlungsfähigkeit erstarrt. Exemplarisch wird an verschiedenen Figuren beschrieben, wie sich die Menschen innerhalb eines Systems verhalten, das von seinen Bürgern verlangt, das Individuelle dem Kollektiven unterzuordnen. Wir folgen einem Opportunisten, der vom strammen Nazi zum glühenden Sozialisten wird oder einem intellektuellen Freigeist, der kritisch auf das System blickt. Hein macht spürbar, wie sich die Personen mit ihren Familien in der DDR arrangieren müssen und wie das System die Lebensläufe der handelnden Personen beeinflusst und formt. Der Autor bindet auch reale historische Ereignisse wie den Volksaufstand von 1953 oder den Prager Frühling in die Handlung ein, was für geschichtlich Interessierte eine grosse Bereicherung sein wird.
rheinfelden.org/stadtbibliothek
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