LANDFRAUEN BEWEGEN
09.01.2026 KolumneDer beste Zeitpunkt war vor 20 Jahren
Marianne Herzog, Oberhof
Ich bin eben dran, unsere vor zwei Jahren gepflanzten Spalier-Obstbäume zu schneiden. Das traue ich mir zu, bei den grossen, alten Bäumen müssen jedoch Profis ran. Da höre ich ein ...
Der beste Zeitpunkt war vor 20 Jahren
Marianne Herzog, Oberhof
Ich bin eben dran, unsere vor zwei Jahren gepflanzten Spalier-Obstbäume zu schneiden. Das traue ich mir zu, bei den grossen, alten Bäumen müssen jedoch Profis ran. Da höre ich ein Keuchen, ich kehre mich um und sehe Frau Meier, meine Gartenfreundin. Ich lade sie zu einem Schwatz in die warme Küche ein. Sie setzt sich schwerfällig hin, umfasst den warmen Tee mit ihren Händen und beginnt zu erzählen. Noch immer habe sie keine Kettensäge gekauft, um ihren Gemüsepflanzen Angst einjagen zu können, damit sie schneller wachsen. Sie wolle im Moment weiterhin die Politik beobachten, was dort diese Kettensägen-Jungs machten. Einer von ihnen sei ja schon wieder aus dem Rampenlicht verschwunden und seine Elektroauto-Marke mit ihm.
Aber eigentlich habe sie im Moment ganz andere Sorgen. Sie spüre, dass sie langsam älter werde, und überlege sich, wie sie die Erinnerung an sich wachhalten könne, so dass sie sozusagen unsterblich werde. Eigentlich wäre es schön, eine Strasse oder ein Platz würde nach ihr benannt: «Frau Meier-Platz, Frau Meier-Strasse». Sie lässt die Worte genüsslich auf der Zunge zergehen. Es könnte vielleicht auch eine Universität sein oder dann halt eine Schule: «Frau Meier-Schule würde doch eindrücklich tönen, nicht wahr?»
Einerseits verstehe ich Frau Meiers Wunsch, der Nachwelt in Erinnerung zu bleiben, anderseits hege ich Zweifel, was diese Namensgebung betrifft. Ich vermute, dass Frauen auch heute noch selten ausgewählt werden für die Namen von Plätzen, Strassen und anderen öffentlichen Orten. Als Kind wohnte ich zwar in Lenzburg an der Sophie-Hämmerlistrasse, einer Mundart-Dichterin des Städtchens. Neben der General Guisan-Strasse, der General-Herzog-Strasse, dem Hünerwadelplatz und der Gustav Henckell-Strasse in Lenzburg ging die Sophie Hämmerli fast etwas unter.
Frau Meier schaut nachdenklich durchs Fenster zu einem riesigen Baum, der in unserem Garten wächst: «Was ist denn das für ein Baum?» «Das ist der Nussbaum, der vor rund 40 Jahren zur Geburt des Nachbarsohnes gepflanzt wurde. Die Nachbarn wohnen schon lange nicht mehr hier, das Stück Land gehört jetzt uns. Der Baum versorgt uns jedoch jedes Jahr mit Dutzenden von Kilo Nüssen und wir denken immer wieder an Livio und seine Eltern zurück.» Da beginnen Frau Meiers Augen zu leuchten: «Ich hab’s! Bis eine Schule, eine Strasse oder ein Platz nach mir benannt wird, kann es dauern, ich pflanze einen Baum, damit bleibt man auch in Erinnerung!» Und schon eilt sie weg. Ich kann ihr nur noch das Sprichwort nachrufen: «Der beste Zeitpunkt, einen Baum zu pflanzen, war vor 20 Jahren. Der zweitbeste Zeitpunkt ist jetzt.» Und weg ist sie.

