Stalingrad, Shoah, Mareth
03.03.2023 FricktalProjekt «kriegsnachrichten.ch»: Der Zweite Weltkrieg, Januar bis März 1943
Von Jürg Stüssi-Lauterburg
Januar, Februar und März 1943 waren selbst für Kriegszeiten besonders ereignisreich: In Stalingrad siegten die Sowjets. Sie brachten Generalfeldmarschall Friedrich Paulus als ...
Projekt «kriegsnachrichten.ch»: Der Zweite Weltkrieg, Januar bis März 1943
Von Jürg Stüssi-Lauterburg
Januar, Februar und März 1943 waren selbst für Kriegszeiten besonders ereignisreich: In Stalingrad siegten die Sowjets. Sie brachten Generalfeldmarschall Friedrich Paulus als Gefangenen ein. US-Truppen eroberten nach langem Ringen die Salomoneninsel Guadalcanal. In Südtunesien umfassten und durchbrachen die Briten die Mareth-Linie. Gleichzeitig nahm der Massenmord der Nationalsozialisten an den europäischen Juden seinen Fortgang, was aus der bedrückten Ferne nicht in allen Einzelheiten, jedoch im mörderischen Gesamtbild auch für die Lesenden der Fricktaler Presse zu erkennen war. Im Ghetto von Warschau leisteten die Bewohner den eindringenden Völkermördern heroischen Widerstand. Die isolierte Schweiz sah sich einem durchsickernden deutschen Angriffsplan ausgesetzt. Der amerikanische Militärattaché in Bern Barnwell Rhett Legge resümierte am 28. März 1943 in einem Memorandum, es gehe den Nazis um die vier Ziele
- den politischen Druck auf die Schweiz zu erhöhen,
- die schweizerischen Reaktionen zu testen,
- die Alliierten abzulenken und
- darum, andere militärische Operationen zu verschleiern.
Fazit: Die ersten drei Monate 1943 waren für die Schweiz keineswegs ungefährlich.
***
Dankbar, noch in Frieden und Freiheit zu leben, druckte der Frickthaler am 4. Januar 1943 Eduard Mörikes unsterbliches Gedicht:
«Zum neuen Jahr
In ihm sei’s begonnen,
Der Mond und Sonnen
An blauen Gezelten des
Himmels bewegt.
Du Vater, Du rate,
Lenke Du und wende!
Herr, Dir in die Hände
Sei Anfang und Ende
Sei alles gelegt!»
Vertrauen ist spürbar in den alten Zeitungsblättern, gleichzeitig ein waches Bewusstsein für das Geschehen an den Fronten. Der erste Satz des Frickthalers vom Montag, 25. Januar war der Einnahme der libyschen Hauptstadt durch Sir Bernard Law Montgomerys 8. Armee gewidmet: «Im Morgengrauen des Samstag, nach 5 Uhr, sind die Truppen der achten Armee in Tripolis eingezogen, nachdem sie am Freitag am späten Abend Castel Benito besetzt hatten.» Die Volksstimme vom 28. Januar stellte die vom amerikanischen Präsidenten Franklin Delano Roosevelt und vom britischen Premier Winston Churchill in Casablanca bekräftigte Forderung nach einer bedingungslosen Kapitulation ins Zentrum der Berichterstattung.
Das Alltagsleben verlangte auch in «schweren Zeiten» nach seinem Recht: Die Musikgesellschaft Mumpf lud zu Konzert und Theater im Adler. Andernorts wurden die Lesenden aufgefordert, ihre Milchkarte dem Milchhändler zu Beginn des Monats auszuhändigen, damit dieser die zugeteilten Mengen auch richtig beschaffen könne… Der 9. Band der 8. Ausgabe von Meyers Lexikon («Nazi- Meyer»), so wurde ferner berichtet, sei wegen «historischer Unrichtigkeiten und bösartiger politischer Vorhalte» vom Bundesrat verboten worden.
Illusionen über das Geschehen jenseits der Grenzen konnten keine auf kommen. Am 4. Februar 1943 meldete die Volksstimme: «Ein zweiter Zug mit 100 Schweizer Juden aus Paris traf am Dienstag in Genf ein.» Dass die Deportationen aus Frankreich in die Konzentrations- und Vernichtungslager des Ostens zum Kontext dieser dürren Meldung gehörten, stand nicht im Blatt. Und doch: Es genügte, sich die Frage nach dem Verbleib der übrigen Pariser Juden zu stellen.
In einer derart dunkeln Welt war es ein Lichtblick, verstanden zu werden. Die Volksstimme vom 9. Februar setzte an den Anfang des Blattes ein Zitat von Walter Lippmann aus der New York Herald Tribune:
«Die Schweiz hat eine Armee, die gegen Invasionsversuche bereit steht. Ihre Grenzen werden verteidigt, die freien Institutionen existieren weiter, und es hat dort weder einen Quisling noch einen Laval. Die Schweizer sind sich treu geblieben, und zwar auch in den dunkelsten Stunden des Jahres 1940, als nichts als die Tapferkeit Grossbritanniens und der blinde Glaube der freien Männer in der übrigen Welt zwischen Hitler mit seiner totalitären «neuen Ordnung» und Europa stand. Wenn je die Ehre eines Volkes einer Probe unterworfen wurde, so war es diejenige der Schweiz, und sie hat diese Probe einwandfrei bestanden.»
Dass in der gleichen Nummer Auswüchse der von eifrigen Bürokraten geleiteten Preiskontrolle angeprangert wurden wie eine Bussenverfügung von 3 Franken gegen eine Witwe, welche mit ihren Eiern einen gesamten unrechtmässigen Gewinn von total 8 Rappen gemacht hatte, beweist, dass Lippmann wirklich Recht hatte. Die freien Institutionen einschliesslich der freien Presse, diesem Palladum helvetischer Libertas, bestanden weiterhin.
Die sowjetische Rückeroberung der Stadt Kursk am 8. Februar 1943 wurde drei Tage danach in der Volksstimme kommentiert: «Die Eroberung von Kursk ist ein ausserordentlich schwerer Schlag für das Führerhauptquartier, das seit Sommer 1942 dort riesige Waffendepots, Reparaturwerkstätten und Teillager der verschiedensten Art für die Truppen der mittleren und südlichen Front angelegt hatte.»
Auch der Frickthaler zeichnete die Oszillationen des Krieges exakt nach, zum Beispiel die wechselhaften Kämpfe in Tunesien. Am 22. Februar meldete er, die Truppen Montgomerys seien bis auf 20 Kilometer an die der Befestigungslinie den Namen gebende Ortschaft Mareth herangerückt.
Das Auge für die Schöpfung blieb gleichzeitig offen: «Freudiges Frühlingsahnen weht durch die Natur. Stare, Störche, Schneeglöcklein, Haseln, Weiden melden sich. Sogar die gelben Narzissen wachen auf.»
Durchhalten blieb die Parole. Dass die Wehrbereitschaft der Schweiz auch in finanzieller Hinsicht nicht gratis zu haben war, machte die Presse durch detaillierte Schilderung der Möglichkeiten, das sogenannte Wehropfer zu bezahlen, klar. Am 19. März stellte der Frickthaler die geplanten Grossversuche mit Kartoffelbrot vor. Weder die Leser noch die Redaktionen liessen aber zu, dass die Not den Blick auf den blossen Überlebenskampf verengte. So hiess die Volksstimme am 27. März die aargauischen Schuhmachermeister willkommen:
«Rheinfelden, einst eine starke Festung, hat in früherer Zeit zähe sich seiner Haut wehren müssen. Denken wir nur an den Dreissigjährigen Krieg, wo es sich fast ein halbes Jahr lang tapfer verteidigte, bis Hunger und Mangel an Munition zur Übergabe zwangen. Solche Ausdauer und Widerstandskraft benötigen wir auch heute wieder in unserer kriegsbeschwerten Zeit und sei es nur, um durchzuhalten im wirtschaftlichen Kampf. … Liebwerte Gäste, seid herzlich willkommen! Wir wünschen Euch nach ernster Arbeit frohe Stunden des Zusammenseins in unserer anmutigen Rheinstadt.»
Die Volksstimme pflegte aber keineswegs engen Lokalpatriotismus. In derselben Ausgabe leistete sie Splügen, Nufenen, Hinterrhein und Medels Sukkurs in ihrem Kampf gegen ein Kraftwerkprojekt, welches die vier Gemeinden unter Wasser gesetzt hätte. Je eine Rede Hitlers und Churchills hatten es am 22. März auf die Titelseite des Frickthalers geschafft: Hitler habe am verschobenen «Heldengedenktag» gesagt, ein «altes Weltreich werde sich in Fetzen auflösen». Der Hass des Diktators auf Grossbritannien scheint durch. Man wird an Ernst Lissauers tragischen «Hassgesang» von 1914 erinnert:
«Wir lieben vereint, wir hassen vereint
Wir haben alle nur einen Feind: England»
Churchill glaube, «dass wir im Laufe des nächsten Jahres – es mag aber auch erst im übernächsten Jahr sein – Hitler schlagen werden, womit ich meine, dass wir ihn und seine Mächte des Bösen in Grund und Boden schlagen werden.» Zwei Tage später war von einem Interview zu lesen, welches General Henri Guisan einer Korrespondentin des Svenska Dagbladet, Astrid Ljungström, gegeben habe. Das Gleichgewicht Europas bedinge eine nach allen Seiten und in jeder Beziehung neutrale Schweiz: «Wer auch immer in unser Land eindringt, wird automatisch unser Feind.»
Klarer als bisher, wenn auch indirekt, schilderte die Fricktaler Presse im März 1943 die Shoah und den heldenhaften jüdischen Widerstand. William Temple, Erzbischof von Canterbury, wurde am 26. März auf der Titelseite des Frickthalers zitiert. Der Prälat habe im britischen Oberhaus erklärt, «dass 400 000 Juden aus dem Warschauer Ghetto spurlos verschwunden sind und dass es im Februar zu entsetzlichen Pogromen in und bei Warschau kam. 5000 Juden seien aus anderen Teilen Polens verschleppt worden, nachdem sie in heldenhaftem Widerstand über 50 SS-Männer getötet hätten. Es sei festgestellt, dass nur noch 250 000 Juden in Polen am Leben seien.»
Der März klang aus mit der Nachricht (Frickthaler, 31. 3.) von einem alliierten Sieg in Tunesien, dem Auftakt zu einer neuen Phase des Weltkrieges: «Rommel räumt die Marethlinie».
Nachrichten aus einer kriegerischen Zeit
Das Fricktaler Projekt «Kriegsnachrichten» macht die Originalausgaben der «Volksstimme aus dem Frickthal», der «Neuen Rheinfelder Zeitung» und des «Frickthalers» aus den Jahren 1939 bis 1945 im Internet für jedermann zugänglich. Zudem erscheint viermal jährlich ein Essay, basierend auf der Berichterstattung des jeweiligen Quartals, in welchem der Autor das Kriegsgeschehen thematisiert und unter verschiedenen Gesichtspunkten beleuchtet. Jürg Stüssi-Lauterburg, Autor des hier publizierten Beitrages, ist Militärhistoriker. Er wohnt in Windisch.
Als dieses Projekt vor 9 Jahren gestartet wurde ging es um einen Rückblick auf schlimme, längst vergangene Zeiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges und die Wahrnehmung in der lokalen Öffentlichkeit. Nie hätten es die Initianten des Projektes für möglich gehalten, dass wir heute in Europa wieder einen Krieg erleben müssen. (nfz)




