Die Igel-Aufpäpplerin
19.02.2023 FricktalDer Rückgang der Insekten macht auch den Igeln zu schaffen. Ein weiteres Problem sind elektrische Gartengeräte. Es würde wenig brauchen, damit es den Tieren besser geht, sagen die Gründerinnen des Vereines Igelnest Oberbaselbiet. Bei diesem hilft auch Rita von Büren aus Bözen aktiv ...
Der Rückgang der Insekten macht auch den Igeln zu schaffen. Ein weiteres Problem sind elektrische Gartengeräte. Es würde wenig brauchen, damit es den Tieren besser geht, sagen die Gründerinnen des Vereines Igelnest Oberbaselbiet. Bei diesem hilft auch Rita von Büren aus Bözen aktiv mit.
Karin Pfister
Mehr als vier Jahrzehnte lang verfügte das Fricktal in Rheinfelden über eine Igelstation. Ins Leben gerufen und geführt wurde sie von Anneliese Girlich. Bei ihr fanden unterernährte und kranke Tiere ein Zuhause auf Zeit. Nach dem Aufpäppeln und Gesundpflegen entliess die Rheinfelderin sie wieder in die Freiheit. Mit dem Tod von Anneliese Girlich fehlte diese wichtige Igelstation im Fricktal. Hand bietet seither auch der Verein Igelnest in der Baselbieter Gemeinde Ormalingen. Eine der Frauen, die sich um die stacheligen Freunde kümmert, ist Rita von Büren aus Bözen. Sie unterstützt Sandra Strub und Annette Mathys bei deren Aufgabe zum Wohl der Tiere.
«Die Igel brauchen uns », sagt Sandra Strub aus Ormalingen. Für die Igel sei niemand wirklich zuständig, obwohl die Tiere zu den gefährdeten Arten gehören. «Wir haben beide eine Passion für Tiere und beim Igel ist die Not sehr gross», so Sandra Strub weiter. Zusammen mit Annette Mathys kümmert sie sich seit über einem Jahr um kranke und verletzte Igel aus dem Fricktal und dem Baselbiet. Das Einzugsgebiet sei gross, auch aus Basel oder Brittnau seien schon Igel zu ihnen gekommen. Kennengelernt haben sich die beiden Familienfrauen Sandra Strub und Annette Mathys, die beide berufstätig sind, über einen verletzten Igel. Das Engagement ist ehrenamtlich und beträgt während der Hochsaison je rund 50 Prozent.
Zehn «Aufpäppelfrauen»
Im Januar dieses Jahres haben die beiden Frauen den Verein Igelnest Oberbaselbiet gegründet. Das Hauptigelnest mit Igelklappe befindet sich im Wohnhaus von Annette Mathys in Ormalingen. Auch bei Sandra Strub, die im selben Dorf Zuhause ist, wurde eine Igelstation eingerichtet. Zu den Igelretterinnen gehören auch zehn «Aufpäppelifrauen», welche leicht verletzte Igel oder verwaiste Igelbabys bei sich zu Hause gesundpflegen, bevor die Tiere wieder ausgewildert werden.
Die ausgebildete Pferdesamariterin Rita von Büren hat viele Jahre lang zusammen mit ihrem Mann eine Artzpraxis geführt und ist nun in Pension. «Ich liebe Tiere und möchte meine freie Zeit sinnvoll einsetzen.» Bei der Igelpflege könne sie ihr medizinisches Wissen und die Tierliebe verbinden. Beim Igelnest Oberbaselbiet wurde sie vor ihrem Einsatz für die Igel umfassend informiert. Beigebracht haben sich Sandra Strub und Annette Mathys ihr Igelwissen selber. Annette Mathys ist ausgebildete Pflegefachfrau, was ihr bei der Erstbegutachtung und der Wundpflege zugute komme. Ganz neu ist die Igelklappe vor dem Haus, welche 24 Stunden geöffnet ist. Kranke und verletzte Igel können dort abgegeben werden; vor Ort hat es ein Formular zum Ausfüllen und die beiden Handynummern der Frauen, welche per SMS über den Neuzugang in der Klappe benachrichtigt werden müssen. In der Igelstation wird dann die Erstbegutachtung gemacht und entschieden, ob ein Igel beim Tierarzt operiert werden muss oder in der Igelstation gesundgepflegt werden kann. Leichtere Fälle oder Säuglinge werden an die Aussenstationen, die sogenannten Aufpäppelifrauen, ausgelagert.
Von Oktober bis März im Winterschlaf
Igelbabys müssen alle drei Stunden per Flasche gefüttert werden. Von Oktober bis März sind die gesunden Igel im Winterschlaf. Wer zu diesem Zeitpunkt einen Igel herumirren sehe, könne davon ausgehen, das vermutlich etwas nicht stimmt, so Sandra Strub. Igel seien ausserdem nachtaktiv; auch Igel, die tagsüber gefunden werden, seien häufig krank. «Manchmal ist es auch eine Igel-Mutter, die einfach nur eine Pause von ihren Jungen braucht.»
Der grösste Feind des Igels ist der Mensch. Die Tiere leben vor allem in den Gärten im Siedlungsbiet.
«Wir bekommen immer wieder schwer verletzte Igel, die in ein elektrisches Gartengerät geraten sind», so Annette Mathys. Diese Verletzungen seien traurig und vor allem vermeidbar. «Es würde sehr helfen, wenn man vor dem Gebrauch der Geräte kurz unter die Hecken sieht.» Sinnvoll wäre es auch, wenn automatische Gartenmäher-Roboter nachts ausgeschaltet werden würden.
Es braucht wenig für mehr Tierwohl
Der Igel ist ein Einzelgänger. Igelinnen bringen zwischen Mai und Ende September ihre Jungen zur Welt; pro Wurf sind es rund zwei bis acht Junge. «Wir wünschen uns, dass die Menschen wieder mehr Rücksicht auf die Tiere nehmen und der Igel wieder mehr Platz hat», sagen Sandra Strub und Annette Mathys. Es würde gar nicht viel brauchen, um den Igeln wieder mehr Lebensraum zu ermöglichen; am besten seien Naturgärten mit natürlichen Unterschlüpfen wie Holzhaufen. «Die Igel leben in riesigen Revieren. Es würde sie unterstützen, wenn sich bei den Zäunen Schlupflöcher befinden.» Dafür reiche schon ein elf Zentimeter breites Rohr aus dem Baumarkt. Ebenfalls wichtig wären Ausstiegshilfen wie eine Gummimatte bei Swimmingpools oder Weihern. «Der Igel kann schwimmen. Ausserdem würden so auch weniger Katzen ertrinken.» Vielen Menschen sei gar nicht bewusst, wie wenig nötig sei, damit es den Tieren besser gehen würde. «Während den Hitzetagen im Sommer kann man eine Blumentopfunterschale mit etwas Wasser in den Garten stellen, damit die Igel Zugang zu Wasser haben.»
Rund 200 Igel wurden in der Igelstation bisher aufgenommen. Jeder von ihnen erhält einen Namen. Auch jene, die so schwer verletzt sind, dass sie erlöst werden müssen. «Keiner unserer Igel soll namenlos von der Welt gehen», sagt Sandra Strub. Trotz des riesigen ehrenamtlichen Engagements der beiden Frauen, ist für beide klar: «Sobald die Igel wieder gesund sind, werden sie ausgewildert.»
Am 22. April findet in der Igelstation Oberbaselbiet von 14 bis 20 Uhr ein Frühlingsapéro für Interessierte statt.
Was tun?
1. Sichern Sie den hilfsbedürftigen Igel.
2. Nehmen Sie eine mindestens 40 cm hohe Karton- oder Plastikboxe.
3. Legen Sie diese mit Zeitungen aus.
4. Als Versteckmöglichkeit dient ein altes Handtuch oder ein Kartonhäuschen.
5. Stellen Sie frisches Wasser zur Verfügung.
6. In der kalten Jahreszeit muss der Igel zwingend in die Wärme.
7. Rufen Sie die nächstgelegene Igelstation an. Die Liste der Igelstationen finden Sie unter www.pro-igel.ch.
8. Falls Sie keine Igelstation erreichen, rufen Sie einen Tierarzt an.
9. Wenn Sie den Igel in der Nacht sichern, stellen Sie wenig Katzenfutter dazu und melden sich am anderen Tag bei der Igelstation.
10. Igel Babys brauchen dringend Wärme! Legen Sie das Baby auf eine handwarme Bettflasche. Geben Sie auf keinen Fall Katzen oder Kuhmilch.
Weitere Infos unter: www.igelnest-oberbaselbiet.ch oder bei Sandra Strub, Tel. 077 400 31 57


