«Als Autor lebt man im Zwiespalt mit der Welt»
20.02.2023 Persönlich«Vieles wird im Alter relativ, nimmt an Virulenz ab, es kommt wieder ein bisschen Naivität auf, wie als Kind. Das finde ich sehr schön», resümiert Christian Haller, als wir ihn in seinem Schreibatelier in Laufenburg für ein Interview besuchen.
Regula Laux
NFZ: Schon ...
«Vieles wird im Alter relativ, nimmt an Virulenz ab, es kommt wieder ein bisschen Naivität auf, wie als Kind. Das finde ich sehr schön», resümiert Christian Haller, als wir ihn in seinem Schreibatelier in Laufenburg für ein Interview besuchen.
Regula Laux
NFZ: Schon bald wird der Name Christian Haller mit einer 80 verbunden sein. Was macht das mit dem Menschen und mit dem Schriftsteller?
Christian Haller: (Tiefes Seufzen) Es ist ja erst mal einfach eine Zahl und eine Vorstellung, die sich damit verbindet, was die eigene Lebenszeit betrifft. Ich denke aber, dass mein Alltag weitergeht, wie er bis anhin gegangen ist. Ich arbeite an meinen Projekten, tue das jeden Tag und das Schreiben ist noch immer das Zentrum meines Daseins und Lebens.
Nachdem das Element Wasser besonders durch den Rhein immer wieder eine wichtige Rolle in den, oft autobiografisch angelegten, Büchern gespielt hat, geht es in den beiden zuletzt veröffentlichten Werken «Blitzgewitter» und «Sich lichtende Nebel» eher um das Licht bzw. um Quantenphysik. Woher der plötzliche Interessenwandel?
Es ist kein plötzlicher Interessenwechsel, ich hab mich schon früh mit naturwissenschaftlichen und physikalischen Themen befasst und schliesslich Naturwissenschaften studiert. Sie haben in meiner Lebenszeit zu so radikalen neuen Einsichten geführt, die unsere Welt prägen und gestalten, dass ich mich als Schriftsteller damit auseinandersetzen wollte und muss.
Beim Essay «Blitzgewitter» gehen erste Notizen auf 2007 zurück. Anhand des Lichts, von dem man Jahrhunderte nicht wusste, was es eigentlich ist, versuche ich zu zeigen, wie seine Erforschung zu einer völlig neuen Auffassung der Welt geführt hat. Die entsprechende Theorie ist zwar unverständlich, beeinf lusst und prägt jedoch, mehr als wir uns bewusst sind, den Alltag. Dass der Essay jetzt erscheinen konnte im zurzeit besten Verlag für Essayistik (Anmerkung der Redaktion: Matthes & Seitz Berlin), hat mich sehr gefreut und auch ein wenig überrascht.
Bei «Sich lichtende Nebel», dem Buch, das am 16. Februar bei Luchterhand erscheint, kreuzen sich die Lebenslinien der beiden Protagonisten zufällig 1925 in Kopenhagen. Es geht um «Trauer und Einsamkeit, die Grenzen unserer Erkenntnis und die Frage, wie das Neue in unsere Welt kommt.» Und auch hier scheint die Quantenphysik eine Rolle zu spielen.
Die Quantenphysik steht in der Novelle für die Frage, wie ein aussergewöhnlicher Wissenschaftler wie Heisenberg zu einer bahnbrechenden Theorie kommt und welche Phasen des schöpferischen Prozesses er durchläuft. Bei der anderen Figur geht es parallel um das Auffinden eines Wegs, Trauer und Verlust zu bewältigen, der aber durch die kurze Berührung mit der ersten Figur beeinflusst wird.
Wäre es dann nicht sinnvoller, die Quantenphysik in der Ankündigung des Buches wegzulassen? Auf potenzielle Leserinnen und Leser könnte das abschreckend wirken.
Ja, das ist ein Problem, die Quantenphysik ist in der Gesellschaft noch nicht angekommen. Es ist, wie wenn man eine Schnecke an die Fühler fasst. Man zieht sich bei dem Thema instinktiv zurück. Das hat für mich auch eine komische Seite, denn eigentlich ist es eine Weigerung, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, weil man meint, es nicht zu verstehen. Dabei kann man Quantenphysik nicht verstehen, das ist genau das Spannende dran.
Themen wie Trauer, Einsamkeit, die Grenzen unserer Erkenntnis… lassen eher auf einen pessimistischen Ansatz schliessen. Ist das so?
Ich habe mit meinen Veröffentlichungen nie ein didaktisches Ziel verfolgt. Für mich ist es eher eine Art Selbstbefragung, ich setze mich mit mir und meinem Denken auseinander; dazu gehören diese neuen Erkenntnisse. Jede Literatur versucht sich am Unsagbaren, das fasziniert mich auch bei der Quantenphysik, dass sie im Kern unsagbar ist und trotzdem gesagt werden muss. In diesem Paradox befindet sich Dichtung jedoch immer.
Eben ein pessimistisches Paradoxon…
Schriftsteller sind von Berufs wegen Pessimisten, denn ohne Pessimismus ist man nicht versucht, über andersartige Möglichkeiten nachzudenken. Dann wäre man glücklich mit den Verhältnissen, wie sie sich präsentieren. Doch als Autor lebt man in einem Zwiespalt gegenüber der Welt.
Wie hat sich im persönlichen Rückblick der «Hallersche Schreibstil» im Laufe des Schriftstellerlebens verändert?
Man beginnt meistens frisch von der Leber, unbedarft, und merkt erst mit dem Schreibprozess, dass es einen wichtigen und zentralen Lernprozess braucht. Nicht nur handwerklich, sondern auch menschlich. Mein Mentor Max Voegeli sagte: «Du musst erst jemand werden, um etwas sagen zu haben.» Das bedeutet Arbeit an sich selbst, zum Beispiel, um eine Durchlässigkeit zu erreichen, die Voraussetzung ist, einen entstehenden Text entstehen zu lassen und ihn nicht zu erzwingen. Stoffe habe ich nie gesucht, sie haben sich mir aufgedrängt, und ich musste lernen, mich vom Text führen zu lassen und nicht von meinen Wünschen. Natürlich verändert sich das Schreiben während der Lebenszeit, nicht nur durch die verschiedenen Formen wie Gedichte, Erzählungen, Romane, Theaterstücke… sondern in dem man die eigene Ausdrucksform, den Stil, findet.
Nach der Fertigstellung eines Buches befindet man sich ja nicht mehr im Flow der Inhalte und Formen. Was bedeutet das für den Umgang mit fertigen Texten oder Büchern?
Alte Werke von mir lese ich eigentlich nie wieder! Wenn der Schreibprozess und das Lektorat abgeschlossen sind, ist das Werk für mich tot. Deshalb ist es für mich auch ganz heikel, eine «Tour d’Horizon» durch meine Werke zu machen. Das kommt zwar in der Regel beim Publikum gut an, doch da mischen sich Formen und Zeiten von ganz verschiedenen Texten – nichts für mich.
Welche Form steht dem Schriftsteller Christian Haller am nächsten – das Gedicht, die Kurzgeschichte, der Roman, das Theaterstück?
Wie bereits erwähnt: Die Stoffe suchen ihre Form selber. Aus der Beschäftigung mit einem Thema ergibt sich die Form. Ich muss abwarten, bis sich die Struktur zeigt, wenn es so weit ist, legt sie sich fest. Das ist dann nicht mehr veränderbar. So hat sich ein Stoff, der sich mit dem Tod meines Freundes und Mentors beschäftigte, in der Form eines Theaterstücks aufgedrängt, obwohl ich bis dahin nicht für das Theater geschrieben habe. Die Form ergibt sich von Anfang an, da habe ich keinen grossen Einfluss mehr. Ich lasse also die Wörter kommen, sie kommen aus dem noch Ungeformten.
Bei einem runden Geburtstag fühlt man sich mit der Frage konfrontiert, was man/frau heute rückblickend anders machen würde…
Ich habe mit 19 Jahren entschieden, Schriftsteller zu werden und habe diesen Weg mit allen Konsequenzen beschritten, mit allen Höhen, Tiefen und Schicksalsschlägen. Der uralte, mir bestimmte Weg in einer bestimmten Zeit. Ja, mit 80 beginnt man auch zurückzublicken, und es erleichtert mich zu sehen, dass ich diesen mit 19 Jahren eingeschlagenen Weg gegangen bin.
Ich habe jetzt man/frau gesagt, da drängt sich eine andere Frage auf: Was hält der Spracharbeiter und grosse Liebhaber der Sprache vom Gendern?
Es ist wichtig, die Genderdiskussionen zu führen, um die Diskriminierung von Menschen, die nicht gängigen Normen entsprechen, zu bekämpfen. Ich glaube aber nicht, dass dies durch die Sprache geleistet werden kann. Denn die Sprache ist stets nur Name, sie benennt, doch ist sie nie das Benannte. Wenn man die Sprache ändert, ist die Sache noch nicht geändert. Man vertraut auf die Sprache und die Symbole und meint, wenn’s gesagt ist, ist’s getan. Deshalb glaube ich, dass Gender-Sterne oder Doppelpunkte nichts bewirken, ausser eine Verunstaltung der Sprache.
Ist dann der nonbinäre Schriftsteller Kim de l’Horizon, der für sein «Blutbuch» sowohl den deutschen als auch den Schweizer Buchpreis erhielt, nur ein medienwirksamer Hype?
Ich kann dazu schwer etwas sagen, weil ich das Buch nicht kenne. Aber sicher: Medien tendieren immer dazu, etwas aufzubauschen, einen Hype zu erzeugen. Ob das bei Kim de l’Horizon zutrifft, ist eigentlich zweitrangig, und es berührt das Buch nicht. Das Buch hat eine eigene Qualität, und auf die kommt es an.
Unser Gespräch könnte noch ewig so weitergehen, weil mich noch viele Punkte interessieren, möchte ich gern Stichworte liefern und um kurze Antworten bitten:
Stichwort Klimadiskussion
Als alter Mann kenne ich diese Diskussion aus jungen Jahren. Wir haben uns für die Thesen des «Club of Rome» eingesetzt, und es ist nichts geschehen.
Stichwort Heimat
Mein Mentor hat gesagt «Dein Werk soll deine Heimat sein.» Dem würde ich gern beipflichten, wenn ich das Wort ‹Heimat› besser mögen würde.
Stichwort Skiweltmeisterschaft in Frankreich
Ich sehe als Zuschauer den Reiz der Rennen nicht, da ja alle Fahrer praktisch gleichschnell unten sind.
Stichwort Pétanque
Ein Spiel, das ich sehr liebe, auch deshalb, weil es eine sehr meditative Seite hat und unglaublich genau die psychisch/emotionale und die mentale Verfassung des Spielers widerspiegelt.
Stichwörter Kochen und Wein
Wein kenne ich schon seit meiner Kindheit, da meine Eltern der Auffassung waren, man soll früh den Wein als ein Genussmittel kennenlernen, damit er später nicht zu einem Rauschmittel missbraucht wird. Das Kochen habe ich sehr spät lernen müssen, zuerst im Chemielabor, dann am Herd und beides gehört nicht zu meinen Spitzenleistungen.
Stichwort Fasnacht
Die traditionelle Fasnacht hat etwas Schönes und hatte früher eine wichtige Funktion im gesellschaftlichen Leben. Sie ist auch heute noch ein Anlass, bei dem sich Leute freuen und ausleben können. Ich bin im fasnachts-freien Raum aufgewachsen und beim Theater, mit dem ich mich jahrelang beruflich befasst habe, ging es tagtäglich um Fragen der Kostümierung – so ist mir die Fasnacht fremd geblieben.
Stichwort Zukunft
Das ist in meinem Alter eine abnehmende Grösse. Die Vergangenheit wächst, auch die Vergänglichkeit, doch die Zukunft verkürzt sich sehr auf die Lebenszeit, die einem noch gegeben ist und keine Perspektiven mehr beinhaltet, wie bei einem Menschen mittleren Alters.
Vom Kind – zum Erwachsenen – ins Alter. Der Kreis schliesst sich. Vieles wird im Alter relativ, nimmt an Virulenz ab, es kommt wieder ein bisschen Naivität auf, wie als Kind. Das finde ich sehr schön.



