Von der Pro Senectute in den Ruhestand
19.03.2022 FricktalNun ist es so weit: Eva Schütz wird selber pensioniert
Wie geht man in Pension, wenn man während 21 Jahren die Pro Senectute Beratungsstelle des Bezirks Laufenburg in Frick geleitet hat? Unvorbereitet, hat Eva Schütz spontan geantwortet und sich die Zeit genommen, das näher zu erklären.
Interview: Simone Rufli
NFZ: Frau Schütz, Sie sagten mir, Sie würden völlig unvorbereitet in die Pensionierung gehen. Warum tun ausgerechnet Sie so etwas?
Eva Schütz (lacht): Ja, warum ausgerechnet ich? Ich glaube, mir fehlten bisher Zeit, Raum und Luft, die ich für entsprechende Vorkehrungen gebraucht hätte. Gerade das letzte Jahr war derart intensiv, dass ich mich auf die bevorstehende Veränderung weder einlassen konnte noch wollte. Ich weiss aber aus Erfahrung, dass ich mich darauf verlassen kann, dass das Etwas, was jetzt noch irgendwo schlummert und wie ein kleines Pf länzlein zuerst wachsen muss, schon noch kommt und sich entwickelt. Aber lassen Sie mich zuerst etwas in die neue Leere hineinspüren. Ich glaube, dass ich das jetzt brauche.
Kann man überhaupt unvorbereitet sein, wenn man über zwanzig Jahre lang täglich von Berufs wegen mit dem Alter beschäftigt war?
Sicher ist da ein gewachsenes Bewusstsein für Chancen, für Stolpersteine und auch für Risiken. Umgekehrt gibt es Sachen, auf die man sich gar nicht vorbereiten kann. Die Hoffnung verbindet das Älterwerden mit Aktivität, Engagement und Gesundheit. Aus beruflicher Erfahrung weiss ich aber, dass mit zunehmendem Alter das Risiko steigt, mit Einschränkungen leben zu müssen.
Hat sich im Verlauf der Jahre Ihr Blick aufs eigene Alter verändert?
Ja, und zwar stark! Nach zwei, drei Jahren bei der Pro Senectute empfand ich das Altwerden als Belastung. Als ich aber immer mehr Menschen kennenlernte, die trotz Krankheit und erlittenen Verlusten über enorme Ressourcen verfügten, kippte meine Gefühlslage wieder ins Positive. Der Umgang mit diesen Menschen hat mir zu einer angenehmen Gelassenheit verholfen. Schön war es aber natürlich auch, die vielen Menschen zu erleben, die selbstbestimmt und aktiv sind und das Leben nach der Pensionierung als enorme Bereicherung erleben.
Von den fitten Pensionierten, wie Sie nun demnächst eine sind, erwartet man, dass sie sich voller Tatendrang in neue Aufgaben stürzen…
(Lacht) Ich muss zuerst lernen, nicht produktiv zu sein, keine Verantwortung zu tragen. Ich durfte all die Jahre eine sinnhafte Tätigkeit ausüben. In letzter Zeit spürte ich aber auch zunehmend die Last der Verantwortung. Jetzt möchte ich mir Zeit lassen und mich in Geduld üben, bis sich von selbst klärt, welchen Beitrag an der Gesellschaft ich in Zukunft leisten möchte.
Sie könnten jetzt die Angebote der Pro Senectute nutzen.
Auch das werde ich nicht sofort tun. (Lacht schon wieder). Ich muss mich zuerst in meine neue Rolle als Kundin einfinden, die Chefrolle ablegen, meiner Nachfolgerin Raum lassen und meinen Mitarbeiterinnen die Chance lassen, etwas zu verändern. Dazu ist eine gewisse Distanz nötig. Mit der Zeit werde ich dann sicher den einen oder anderen Kurs belegen.
(Überlegt kurz) Natürlich hoffe ich, dass ich noch lange nicht auf die Haushaltshilfe und den Mahlzeitendienst angewiesen sein werde.
Sie haben auch mehr Einblicke ins Hochbetagten-Alter als andere. Was hat das mit Ihnen gemacht?
Es hat mich Respekt gelehrt davor, was es heisst, in Würde seinen Weg zu machen, wie er auch immer aussehen mag. Ich konnte zusehen, wie Leute in hohem Alter sich nach jeder neuen Einschränkung neu anpassten und zu einer neuen Lebenszufriedenheit fanden. Übrigens ist zufrieden sein mit dem, was wir haben, etwas, das wir in jüngeren Jahren schon üben können.
Gibt es etwas, das Sie schon immer dann machen wollten, wenn Sie pensioniert sind?
(Überlegt eine Weile) In den Ferien in den Norden reisen. Die wenigen Ferien, die ich bisher hatte, wollte ich immer irgendwo in der Sonne verbringen. Jetzt freue ich mich darauf, auch mal in den Norden zu gehen. Auch für die Umgestaltung des Gartens hätte ich jetzt Zeit und zum Umräumen daheim. Bisher war alles stark auf Zweckmässigkeit ausgerichtet. Jetzt scheint mir die Zeit gekommen für das Ausrichten auf Gemütlichkeit und Wohlbefinden.
Sie haben einmal gesagt, im Alter zeigt sich, ob man in jüngeren Jahren das soziale Netz ausreichend gepflegt hat. Haben Sie es genug gepflegt?
(Lacht) Ich habe ein soziales Netz, das nur darauf wartet, dass es bald intensiver gepflegt wird!

