Fäs und die Kirche
22.03.2022 Möhlin«Ich finde, man darf alles infrage stellen»
Markus Fäs über den Glauben, den Menschen und die Welt da draussen
Möhlins Gemeindeammann Markus Fäs trat am Sonntag in der Kirche als Gastprediger auf – auf Einladung des christkatholischen Pfarrers Christian Edringer. Die NFZ hat Fäs aus aktuellem Anlass ein paar Fragen gestellt.
Ronny Wittenwiler
NFZ: Markus Fäs, wann haben Sie das letzte Mal jemandem eine Predigt gehalten?
Markus Fäs: Als im Februar 2020 mein Vater starb, verlas ich in der Kirche seinen Lebenslauf. Im engeren Sinn kann man das als Predigt bezeichnen. Sonst habe ich immer mal wieder schwierigen Schülern eine Predigt gehalten, als es darum ging, Klartext zu reden. Manchmal mit Eltern, manchmal ohne. Sowas kam in meiner Karriere als Lehrer alle paar Monate mal vor.
Pfarrer Christian Edringer liess ausrichten, Sie hätten als Gastprediger spontan zugesagt. Warum?
Ich wurde gefragt, ob ich etwas über mein Verhältnis zum christlichen Glauben erzählen würde. Ich muss allerdings schon sagen und ich hielt das in meiner Predigt auch fest: Dass ich meine Zweifel habe. Gerade jetzt auch in Zusammenhang mit der Ukraine-Krise: Wo ist er, der Allmächtige, der so etwas zulässt? Auf der anderen Seite finde ich christliche Werte natürlich etwas Tolles und wichtig für unsere Gesellschaft: Solidarität, füreinander einstehen, einander helfen. Von daher fühle ich mich trotz allem auch geprägt von diesem Gedankengut.
Ein guter Kirchgänger sind Sie also eher nicht?
Das muss ich leider so sagen. Ich gehe zu speziellen Anlässen in die Kirche und dann und wann mal, wenn es mich gluschtet. Aber da muss ich gestehen: das ist zwei-, dreimal im Jahr, mehr nicht.
Und wie steht es um Ihren Glauben an die Menschheit?
Eine gute Frage. Was ich im Moment in Möhlin in Zusammenhang mit der Ukraine-Krise erlebe, diese Spontaneität, die Hilfsangebote von Leuten – das freut mich sehr. Wie es aussieht, kommt da aber noch einiges auf uns zu und ich bin gespannt, ob die Hilfsbereitschaft auch das aushalten wird. Aber nochmals: Die Unterstützung jetzt ist bereits toll. Das alles ändert natürlich nichts daran, dass immer wieder Dinge geschehen, bei denen auch ich mich frage, was das soll. Aber mit solchen Sachen ist es wie mit dem Wetter: Es ist einfach Teil unseres Lebens.
Ein Pfarrer ist Seelsorger. Sehen Sie Parallelen zum Gemeindeammann?
Ein bisschen schon. Ich werde manchmal tatsächlich auch auf Probleme angesprochen, die gar nichts mit meinem Amt im engeren Sinn zu tun haben. Diese Leute wollen einfach etwas loswerden. Das finde ich gar nicht mal so unangenehm. Das gibt mir manchmal die Möglichkeit, etwas zu erklären und dann ist das gut. Manchmal gibt es auch nichts zu erklären und man muss einfach mal zuhören. Auch das ist völlig okay.
Wieviel muss geschehen, dass Sie als Gemeindeammann jemals um Beistand von oben bitten?
Wie gesagt: Dass da einer ist, der auf meinen Wortlaut hören würde, den ich an ihn formuliere – da habe ich halt schon meine Zweifel.
Dann müssen Sie Ihre Arbeit als Gemeindeammann weiterhin selber machen.
Ich glaube schon. Selber machen oder anders Hilfe suchen.
Und was ist Ihnen heilig?
Heilig im Sinne von unantastbar vielleicht? Das ist noch schwierig. Sehen Sie: Eigentlich finde ich, dass man alles infrage stellen und hinterfragen darf. Insofern ist mir eben gar nichts heilig. Aber ich habe natürlich schon sehr klare Grenzen, wenn es um den Grad und die Radikalität des Hinterfragens geht. Du musst den Respekt und die Zurückhaltung behalten, tolerant sein und tolerant bleiben.
Und im banaleren Sinn sind es auch die üblichen Dinge um Sie herum, die Ihnen heilig sind?
Natürlich. Ich bin ein absoluter Familienmensch, ohne Familie wäre ich weniger als die Hälfte. Und auch in diesem Dorf hier, in dem ich lebe: Da fühle ich mich daheim, wie ich mich nirgendwo in meinem ganzen Leben je werde daheim fühlen können. Auch das könnte man ein Stück weit als Heiligkeit anschauen. Würde mir das weggenommen, wäre das für mich schon auch ein ernsthaftes Problem.

