Eine Geschichte der Solidarität

  25.03.2022 Möhlin

Drei Fricktaler Fahrlehrer fuhren an die ukrainische Grenze

Vor gut einer Woche machten sich die drei Fahrlehrer Simon Intlekofer, Matthias Hofer und René Mahrer auf den Weg an die polnisch-ukrainische Grenze. Ihr Ziel: Hilfsgüter abzuladen und ukrainische Flüchtlinge mit nach Möhlin zu nehmen.

Lea Buser

Wer in diesen Tagen das Fahrschulcenter Möhlin betritt, kann die für Nothelferkurs und VKU gedachten Tische vor lauter Kleidung nicht mehr sehen. Der Grund dafür? Die Solidarität mit den ukrainischen Frauen und ihren Kindern, die vor wenigen Tagen in Möhlin angekommen sind. Anlässlich des Krieges in der Ukraine entschieden die drei Fahrlehrer Simon Intlekofer, Matthias Hofer und René Mahrer eines Morgens spontan, Hilfsgüter zu sammeln und diese persönlich an die polnischukrainische Grenze zu fahren. Bereits am nächsten Tag, dem 12. März, fand eine erfolgreiche Spendenaktion statt und auch am Dienstag- und Mittwochabend wurden Hilfsgüter angenommen. Die kompletten Einnahmen des gleichzeitig laufenden VKUs dienten ebenfalls dem guten Zweck. Dass viele Leute etwas Gutes tun und helfen wollen, zeigt sich an den Spenden: Rund 10 200 Franken und so viel Ware, dass sie einen ganzen Anhänger füllte, kamen zusammen. «Die Solidarität ist riesig», betont René Mahrer.

Durch die Spendenaktion entstand ein Kontakt mit einer Person, die organisierte, dass die drei Fahrlehrer zudem sieben Flüchtlinge mitnehmen konnten. Loris Gerometta, Gemeinderat, entschied, dass die Gemeinde Möhlin die Kosten für den dafür nötigen Bus übernehmen würde. Dieser wurde von der Garage Bernet zur Verfügung gestellt, welche auf das Geld pro Kilometer, das zusätzlich anfallen würde, verzichtete. «Da sieht man, was spontan alles in Bewegung gesetzt werden kann, wenn man das will», so Matthias Hofer.

«Das geht mir jetzt noch nahe»
Am Donnerstagabend, 17. März, startete die Reise. Ihr Weg sollte die Fahrlehrer durch Deutschland, Tschechien und letztlich Polen, nach Przemys´ l führen, einem Knotenpunkt für Flüchtende aus der Ukraine. Die anfänglich gute Stimmung kippte bald. Der Grund dafür war die Liste mit den Menschen, die sie abholen sollten. «Das geht mir jetzt noch nahe», erzählt Simon Intlekofer bedrückt. «Da waren Jahrgänge von Leuten dabei, die gleich alt sind wie meine Kinder. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, das war sehr emotional für mich. Es wurde dann wirklich ruhig, weil jeder mit sich zu kämpfen hatte.»

Angekommen in Przemys´ l stiess das Dreierteam schnell auf vier der Flüchtlinge, zwei Frauen und zwei Kinder. Die anderen drei hatten es wegen der Bombardierung des Flughafens in Lwiw nicht geschafft. Stattdessen drei Personen aus dem dortigen Flüchtlingslager mitzunehmen, ergab sich ebenfalls nicht. Neben den erschreckenden Eindrücken nahm René Mahrer auch etwas Positives mit: «Es war schon beeindruckend, dort Leute aus ganz Europa zu treffen, die alle helfen wollen.»

Nächster Halt war der kleine Ort Vyšné Nemecké an der slowakischukrainischen Grenze. Dort sollten Oksana und ihr eineinhalbjähriges Kind abgeholt werden. Die Zeit verging und Simon Intlekofer telefonierte mehrmals mit ihr, bis sie einander schliesslich entdeckten. «Diesen Moment werde ich nie vergessen: Wie sie mich ansieht, auf mich zukommt und mich umarmt.» Matthias Hofer erzählt, dass die junge Frau Angst davor hatte, die drei würden nicht auf sie warten. «Sie musste wissen, dass wir da sind, schliesslich hat sie ein kleines Kind. Aber wir haben gesagt, wir gehen nicht ohne sie. Wir haben versprochen, dass wir sie mitnehmen.»

Eine «Herzenssache»
Nach diesen nervenaufreibenden Stunden machte sich die nun neunköpfige Gruppe auf den Rückweg in die Schweiz, zuerst durch Ungarn, dann durch Österreich. Nach 3300 zurückgelegten Kilometern wurde der Bus in der Nacht auf Sonntag um 2.15 Uhr in Möhlin von Gemeinderat Loris Gerometta und Gemeindeschreiber Marius Fricker empfangen. Während Oksana bei ihrer Schwester in Kaiseraugst unterkam, fanden die beiden anderen Frauen, Juliya und Anna, Unterschlupf bei Gastfamilien. Wenn die Ukrainerinnen in vier Wochen wieder nach Hause könnten, würden sich die drei sofort wieder ins Auto setzen. Das wäre dann eine «Herzenssache», sind sie sich einig. Wie geht es nun weiter? Auch hier herrscht Einigkeit: «Wir werden es nochmal machen». Das Ziel ist, medizinische Hilfsgüter zu transportieren und erneut Flüchtende mitzunehmen. Inwiefern das vom Platz her umsetzbar ist, muss erst noch mit der Gemeinde abgeklärt werden. Fest steht auf jeden Fall eines: Diese Geschichte der Solidarität wird noch ihre Fortsetzung finden.


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