«Ich will einen Schritt weiter gehen»

Fr, 03. Sep. 2021
«Ich wusste: das passt» – der Rheinfelder Markus Haefliger im Wegenstettertal. Foto: Ronny Wittenwiler

Erste Bilanz: im Gespräch mit dem Leiter der Raiffeisenbank Wegenstettertal

Seit März ist Markus Haefliger aus Rheinfelden Leiter der Raiffeisenbank Wegenstettertal. Die NFZ hat mit ihm gesprochen: über seinen Einstand, Geld und das manchmal angekratzte Vertrauen in die Banker.

Ronny Wittenwiler

NFZ: Markus Haefliger, wie lässt es sich als Rheinfelder arbeiten in der Provinz?
Markus Haefliger:
Ich kannte bereits vorher relativ viele Leute aus dem Tal und ihre Kultur. Ich wusste: das passt.

Provinz klingt zwar etwas provokativ. Trotzdem: Die wirtschaftlichen Strukturen im Wegenstettertal sind anders als in Möhlin oder Rheinfelden. Ist folglich auch die Bank eine andere?
Die Raiffeisenbank Möhlin hat ein grösseres Einzugsgebiet als wir, das ist so. Ich bin aber überzeugt vom Potenzial im Wegenstettertal, nicht nur im Bereich Privatkundengeschäft wie bisher, sondern auch stärker im Bereich KMU.

2016 wurde der Prozess einer möglichen Fusion mit der Raiffeisenbank Möhlin sistiert. Einer der grössten Fusionskritiker war ihr heutiger Vorgesetzter, Verwaltungsratspräsident Jascha Schneider. Warum macht eine Fusion auch heute keinen Sinn?
Unsere Genossenschafter wollen eine Bank im Wegenstettertal fürs Wegenstettertal. Wird Geld erwirtschaftet, soll dieses wieder der Bevölkerung hier zugutekommen. Eine Sorge war damals, dass es mit der Fusion zu einem Standortsterben kommen könnte. Das ist bei anderen Banken in der Region geschehen: Das Filialnetz wurde verkleinert, der Service vor Ort hat gelitten. Deshalb sagte vor fünf Jahren die Bevölkerung im Wegenstettertal zurecht, dass ihre Bank eigenständig bleiben soll.

Der Bankenplatz Fricktal ist umkämpft. Neu dazugestossen ist etwa die Basellandschaftliche Kantonalbank mit Standorten in Rheinfelden und Frick. Sie werden wahrscheinlich behaupten, man spüre diese Konkurrenz im Nacken nicht.
Doch. Auch wir spüren die Konkurrenz. Der Wandel der Kundschaft, Onlineangebote, Vergleichsportale: Wir sind genauso dem Konkurrenzdruck ausgesetzt, wie alle anderen auch.

Klar, man muss besser sein – aber was heisst das schon?
Wir sind auf der Preisseite konkurrenzfähig, können aber nicht bei jeder Kondition mitgehen. Wir wollen uns betreffend Kundennähe und Service abheben.

Bedeutet das: Wer die Bank in Zeiningen betritt, trifft auch künftig auf Menschen und nicht bloss auf eine digitale Schalterhalle?
Es gibt Beispiele in der Region, da wird man per Videokonferenz mit einem Berater verbunden.

Finden Sie das toll?
Das ist vielleicht die Zukunft, ich habe aber meine Zweifel, ob dafür die Zeit bereits reif ist. Sowas hängt auch von der Region ab. Ich bin zum Beispiel überzeugt, dass wir im Tal mindestens einen Standort brauchen, der den Bargeldservice anbietet. Ich kann mir nicht vorstellen, dass wir kurz- und mittelfristig nur noch Automaten haben.

Was bedeuten Kundennähe und Service für Sie sonst noch?
Eine vollumfängliche Beratung ist das A und O. Wer sich nicht zu einer Beraterbank entwickelt, wird früher oder später nicht überleben.

Sie sagen: Beraterbank. Was war Ihre Bank denn vorher: eine Verwalterbank?
Ich will einen Schritt weiter gehen, damit die Bank trotz steigender Konkurrenz eigenständig bleibt. Wir müssen mit einer gesamtheitlichen Beratung noch näher beim Kunden sein, mit Finanzplanung, mit Pensionsberatung; für all das haben wir gute Leute. Ich kenne den Markt und die Mitbewerber, national und international: Wir können denselben Service auch anbieten – einfach lokaler und familiärer.

Welche Herausforderung bedeutet Corona?
Dass man die angesprochene Nähe zu den Kunden nicht verliert. Ich scheue mich auch nicht, mal einen Kunden daheim zu besuchen. Kundennähe heisst aber nicht, dass man sich stets sehen muss. Nähe lässt sich auch anders handhaben: den Firmen helfen, so, wie das passiert ist mit den Covid-Krediten. Viele Unternehmen brauchen diesen Kredit bereits nicht mehr und konnten ihn zurückzahlen.

Nach schwierigen Jahren sorgte im Juli die Affäre um den Präsidenten von Raiffeisen Schweiz, Guy Lachappelle, für den nächsten Reputationsschaden der Raiffeisen-Gruppe. Haben solche Vorkommnisse auch negative Auswirkungen für eine Bank vor Ort?
Guy Lachappelle hat mit seinem Rücktritt sofort die Konsequenzen gezogen. Diese Geschichte bekam die Bevölkerung zwar mit, aber wir haben vor Ort keine Auswirkungen davon gespürt. Man muss auch sehen: Von Raiffeisen Schweiz beziehen wir Dienstleistungen wie etwa dieselbe Software, wir als Raiffeisenbank Wegenstettertal sind aber eine eigenständige Bank.

Generell beschädigen solche Vorkommnisse aber das Vertrauen in die Banken. Wie gehen Sie als Banker persönlich damit um?
Im Verein, im familiären Umfeld wird man natürlich auf solche Dinge angesprochen, das ist doch klar. Es gab in der Vergangenheit auch immer wieder Fehlverhalten von Banken oder Bankern. Natürlich wirft man dann halt alle in einen Topf und klar kommen dann auch Sprüche, aber das stört mich nicht und kann ich auch verstehen.

Was hat Sie nach einem halben Jahr als Bankleiter im Wegenstettertal komplett überrascht?
Ich war wirklich überrascht, wie die Bevölkerung hier zu dieser Bank steht. Das spürt man extrem und habe ich bisher so noch nie erlebt.

Marc Meier, Ihr Vorgänger, war sechzehn Jahre bei der Raiffeisenbank Wegenstettertal. Bleiben Sie auch so lange?
Ich kann mir gut vorstellen, hier pensioniert zu werden. Dann wären es sogar gut zwanzig Jahre. Ich begann meine Karriere in Rheinfelden auf einer Bank, wurde danach Filialleiter in Gelterkinden und bevor ich mich auf dem Gebiet Vermögensverwaltung im Anlagegeschäft weitergebildet hatte, sagte ich mir: Irgendwann komme ich in die Region zurück. Dass sich der Kreis so schnell schliessen würde, habe ich noch vor zwei Jahren nicht gedacht. Dazu beigetragen hat auch Corona: Zuvor geschäftlich in ganz Europa unterwegs, war ich plötzlich wieder daheim. Man lernt die Nähe zur Familie, zu Kollegen und Bekannten wieder neu schätzen und man macht sich Gedanken, was man im Leben will.

Zum Schluss, was ich schon immer einen Banker fragen wollte: Wie wichtig ist Ihnen Geld?
Familie und Freundschaften stehen für mich über allem. Geld ist aber sicher ein Luxusgut, das viele Vorteile mit sich bringt.


Markus Haefliger, Jahrgang 1977, ist in Rheinfelden geboren und aufgewachsen, wo er mit Partnerin und drei Kindern wohnt.

Haefliger ist Präsident beim SC Feldschlösschen. Ob er Fussball oder Bier lieber hat? «Ich mag beides», sagte er und ergänzt: «ganz gerne auch mal ein Glas Wein.»

Die Raiffeisenbank Wegenstettertal mit ihren beiden Standorten Zeiningen (Hauptsitz) und Wegenstetten beschäftigt insgesamt achtzehn Mitarbeitende. (rw)

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Kommentare

Gutes Interview und ein sympatischer Bankleiter!

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