Das taugt der Hochwasserschutz

Di, 20. Jul. 2021

Wasser vom Möhlinbach dringt auf die Strasse, die Feuerwehr muss ausrücken. Der dreizehn Millionen Franken teure Hochwasserschutz mit den Rückhaltebecken funktioniere nicht, behaupten vereinzelte Beobachter nach den Ereignissen vom letzten Dienstag. Die Behauptung ist falsch, sagen Fachleute.

Ronny Wittenwiler

Vor knapp einem Jahr erst fand das Projekt Hochwasserschutz im Möhlintal seinen Abschluss und dann, am letzten Dienstag, geschah es: Der Möhlinbach wurde zum reissenden Fluss. Wasser bahnte sich den Weg auf Haupt- und Bahnhofstrasse. Kurz darauf, als Bilder vom Feuerwehreinsatz in den sozialen Medien kursierten, war auch das zu lesen: «Die Staudämme funktionieren nicht und haben Millionen gekostet.» Das allerdings blieb nicht ohne Widerspruch. «Staudämme und Bachschutz haben super funktioniert», sagt ein anderer – «sonst wäre der Bach die Hauptstrasse runtergeflossen.»

Das ist passiert
Was am Dienstag geschehen ist, sei reine Physik, sagt Roger Winter, Leiter der Abteilung Bau und Umwelt der Gemeinde Möhlin. «Steigt der Bachpegel über die Höhe der einleitenden Entwässerungsleitungen, drückt es das Bachwasser in diese Leitungen zurück bis das Wasser die gleiche Höhe wie der Bachpegel erreicht. Genau das ist vergangenen Dienstag an einzelnen Orten im Dorf geschehen. Ist die Leitung in diesem Einstaubereich defekt oder hat der Schachtdeckel der Leitung Entlüftungslöcher, drückt es das Wasser da hinaus. Entlang der Hauptstrasse im Bereich Oberdorf ergoss sich deshalb rückgestautes Wasser bis auf die Strasse.»

Das aber habe nichts damit zu tun, dass der Hochwasser-Schutz nicht funktionieren würde, sagt Winter. Sowas sei früher bei extremem Hochwasser auch schon passiert, bloss habe man das nicht wahrgenommen – weil es eben gleichzeitig zu klassischen Überschwemmungen des Bachs gekommen ist. Genau eine solche Überschwemmung habe der Hochwasserschutz mit den beiden Becken und den Massnahmen in den Gemeinden wie Mauererhöhungen, Erdwällen, Bachverbreiterungen und Ufererhöhungen nun verhindert. Für Roger Winter ist deshalb klar: Der Hochwasserschutz habe sehr gut funktioniert, im ganzen Tal; und mit ziemlicher Sicherheit hat er vergangenen Dienstag einen Schaden von immensem Ausmass verhindert.

«Das war ein Hochwasser, wie schon lange nicht mehr», sagt er. Gemessen im Bereich Oberdorf entlang der Schutzmauern sei der Pegel zwischenzeitlich dreissig, vierzig Zentimeter über dem Niveau der Hauptstrasse gelegen. Roger Winter ist Projektleiter für den Hochwasserschutz der Gemeinden im Möhlintal. Doch auch andere Fachleute bestätigen, dass der Hochwasserschutz diesen Stresstest bestanden habe. Noch liegen konkrete Zahlen nicht abschliessend vor, gegenüber der NFZ liess der zuständige Fachspezialist Hydrometrie beim Kanton allerdings durchblicken, dass man es beim Hochwasser am Möhlinbach vom letzten Dienstag mit einem extremen Ereignis zu tun gehabt habe und aus Sicht des Projektleiters Hochwasserschutz vom Kanton ist jenes Ereignis im Möhlintal bei einem sogenannt hundertjährlichen Hochwasser einzuordnen.

Anpassungen werden geprüft
Trotzdem: Hätte man die Abflussmenge aus den Rückhaltebecken nicht stärker regulieren beziehungsweise drosseln können? «Theoretisch wäre das möglich», sagt Roger Winter; allerdings auch mit dreissig, vierzig Zentimeter tieferem Pegelstand wäre es dennoch zu diesen Rückstauungen gekommen. Und viel wichtiger: Man würde die Einstaureserven in den Becken für ein lokales Gewitterereignis verlieren. Dennoch wolle man nach den Ereignissen vom Dienstag Verbesserungen prüfen. Die defekten Einläufe müssen saniert werden, es bestünde die Möglichkeit, bei einzelnen Seiteneinläufen in den Möhlinbach Rückstauklappen einzubauen oder die Schachtdeckel als verschraubte Druckdeckel ohne Löcher auszuführen. Zudem müssten zwischen einzelnen Betonplatten, die vor Hochwasser entlang der Hauptstrasse schützen, Fugen nachgebessert werden. «Auch von dort ist durch den immensen Druck Wasser auf die Strasse gelangt.»

Das sagt der Kommandant
Dass der Hochwasserschutz im Möhlintal sich als tauglich erweist, bestätigt mit Möhlins Feuerwehrkommandant Richard Urich auch einer, der die Ereignisse vom letzten Dienstag hautnah und im Einsatz miterlebt hat. «Wäre der Durchfluss nicht begrenzt worden durch die Rückhaltebecken, können wir davon ausgehen, dass der Bach im Dorf an mehreren Stellen das Bachbett verlassen und richtig grossen Schaden angerichtet hätte.» Auch für ihn ist klar: Die Aussage, dass der Hochwasserschutz mit seinem Rückhaltebecken nicht funktioniert, ist falsch.

Insgesamt hat der gesamte Hochwasserschutz im Möhlintal mit den beiden Rückhaltebecken zwischen Hellikon und Zuzgen sowie zwischen Zeiningen und Möhlin dreizehn Millionen Franke n gekostet, aufgeteilt auf Bund, Kanton und die Gemeinden von Möhlin bis Wegenstetten.

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